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Leverkusen: Exklusiver Blick in Bayer 04-"Werkstatt"

Leverkusen : Exklusiver Blick in Bayer 04-"Werkstatt"

Kunden der PronovaBKK durften das Allerheiligste in der BayArena mit Kältekammer und vielen Traininsgeheimnissen mehr erkunden. Der "Werkstatt"genannte optimale Gesundheitsbereich der Fußballer kostet bis zu 40 Millionen Euro.

Es ist kalt. Sehr kalt. Genauer: minus 110 Grad Celsius. So kalt wird es normalerweise nirgendwo, nicht einmal in der Antarktis. Bei minus 110 Grad schmerzen Ohren und Nase nach wenigen Sekunden. Länger als drei Minuten sind schwer auszuhalten - trotz Mund-, Ohren- und Handschutz. Kaum zu glauben, aber unter diesen Bedingungen regenerieren Bundesligaprofis regelmäßig. Und zwar nackt.

"Normalerweise hat man nur Unterwäsche an, wenn man die Kammer betritt", sagt Dr. Karl-Heinrich Dittmar, der die medizinische Leitung beim Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen innehat. Denn die minus 110 Grad gibt es nur auf wenigen Quadratmetern in einer speziellen Kältekammer. Die wiederum steht in der "Werkstatt", Dittmars Allerheiligstem.

 Wer in die Eiskammer (Minus 110 Grad) eintreten will, muss Hände, Mund und Kopf schützen.
Wer in die Eiskammer (Minus 110 Grad) eintreten will, muss Hände, Mund und Kopf schützen. Foto: RED

Ein Stab aus rund 30 Betreuern kümmert sich im dritten Stock in der BayArena um die Gesundheit der Spieler. Die "Werkstatt" ist exklusiv: Zugang nur mit Chipkarte und für Hochleistungssportler. "Die Spieler wollen natürlich nicht unbedingt neben der Oma mit der gebrochenen Hüfte ihre Reha absolvieren", sagt Dittmar dazu.

 Reaktion und Koordination werden auf Sprintplatten getestet.
Reaktion und Koordination werden auf Sprintplatten getestet. Foto: Heinz-Friedrich Hoffmann

Die heiligen Hallen öffnete der Medizin-Chef allerdings doch für einige "Normalsterbliche". Die PronovaBKK-Krankenkasse, Sponsor und Gesundheitspartner von Bayer 04, hatte Vertreter von Kunden zu einem "Aktivtag" geladen. "Das dient natürlich dazu, zu zeigen, was im Bereich Gesundheit möglich ist", sagt Ulrich Rosendahl aus der Unternehmenskommunikation der Pronova. Rund 20 Teilnehmer durchliefen vier Stationen im Reha-Zentrum in der Arena.

"Das war schon kalt", kommentierte Daniel Hambüchen (35) seinen Besuch in der Kältekammer. Und das hat einen ernsten medizinischen Hintergrund, erläutert Dittmar: "Die Hauttemperatur und auch die Körpertemperatur werden abgekühlt. Dadurch werden Muskelentzündungen, die bei körperlicher Belastung ganz normal sind, verhindert." Angewendet werde das vor allem bei hoher Belastung, also beispielsweise bei mehreren Spielen innerhalb einer Woche. Es sei wichtig, fährt Dittmar fort, die Spieler so leistungsfähig wie möglich zu halten. "Topspieler wollen wir immer verfügbar haben", sagt er. "Wir tun hier, was medizinisch machbar ist." Die Bedingungen dafür sind nicht schlecht, und darauf ist Dittmar sichtlich stolz. "Wir haben zum Beispiel die niedrigste Zahl an Muskelverletzungen ligaweit - das macht ja gerade den Bayern solche Probleme." Überhaupt, die Bayern. Die seien medizinisch noch auf dem Stand von vor 20 Jahren, mit bis vor kurzem noch einem Mannschaftsarzt als Alleinherrscher. "Das will man heute nicht mehr", sagt Dittmar. Vier bis fünf Jahre bräuchte der Rekordmeister aus dem Süden, um eine vergleichbare Abteilung aufzubauen, schätzt er. Und ein Budget zwischen 30 und 40 Millionen Euro. Die Nachfolge von "Alleinherrscher" Hans Wilhelm Müller-Wohlfahrt anzutreten, schließt er aus. "Die Bedingungen hier sind doch ideal." Mehr als ein Mitarbeiter stünde jedem Profi zur Verfügung. Das sei einzigartig.

Dass seine Abteilung durchaus auf Rosen gebettet ist, davon macht Dittmar keinen Hehl. Eine Höhenkammer, die Bedinungungen wie auf 4000 Metern erzeugt? Kein Problem. Da ist auch egal, dass die für Kälte- und Höhenkammer benötigten Stickstofftanks schon wegen dichter Nebelentwickelung Feuerwehreinsätze verursachten.

In der Höhenkammer stehen Laufbänder, "die unter anderem von der NASA mitentwickelt wurden", oder Exemplare, auf denen man mit 45 km/h sprinten kann. Dittmar erzählt das ganz nebenbei, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Ein paar Etagen weiter unten gibt es einen Reaktions-Koordinations-Test. Zahlen leuchten auf, der Sportler sprintet zum passenden Plättchen auf dem Boden, und so weiter. Das ganze geht wenige Sekunden, mehr als zehn Kontakte schafft von den Gastteilnehmern heute niemand. Ein kürzlich verletzter Profi habe gestern elf geschafft, verrät einer von Dittmars Mitarbeitern.

Die Laien-Gäste sind jedenfalls beeindruckt von dem, was sie in der "Werkstatt" zu sehen bekommen. "Super, einzigartig und beeindruckend", schwärmt Daniel Hambüchen. "Das sind ja traumhafte Bedingungen. Unglaublich, was der Verein alles tut."

Kristin Menzel fügt an: "Von der Kältekammer hat man ja schon viel gehört. Es jetzt selbst auszuprobieren, ist irre." Die minus 15 Grad in der Vorkammer fühlten sich nach den minus 110 Grad an, wie plus 15 Grad. Auch Ralf Kutzinsky schwärmt von der Kälte: "Wenn man in die minus 15 Grad kommt, denkt man, man könnte jetzt entspannt ein Bierchen trinken."

(jim)