Gastrotipp Lecker speisen unterm Richtbalken von 1727

Leverkusen · Seit 170 Jahren kehren Menschen ins Lokal „Em Schokker“ ein. Das hat etliche Besonderheiten zu bieten.

 Brigitta Seidel und Cilli Kürten (v. l.) führen die Hitdorfer Gaststätte  „Em Schokker“ mit Leidenschaft, Herzblut und liebgewonnen Traditionen. Zu entdecken gibt es abseits der Speisekarte auch Raritäten im Mobiliar.

Brigitta Seidel und Cilli Kürten (v. l.) führen die Hitdorfer Gaststätte  „Em Schokker“ mit Leidenschaft, Herzblut und liebgewonnen Traditionen. Zu entdecken gibt es abseits der Speisekarte auch Raritäten im Mobiliar.

Foto: Matzerath, Ralph (rm-)

Der Begriff „Schokker“ stammt aus dem niederländischen, bis ins 19. Jahrhundert wurde ein niederländischer Schiffstyp als „Schokker“ bezeichnet. Das Hitdorfer Speiselokal „Em Schokker“ (Langenfelder Straße 18) eignete sich diese Bezeichnung an, um zu vermeiden, dass der Name ständig geändert werden musste. Denn in der 170-jährigen Geschichte des Familienunternehmens waren es immer die Töchter des Hauses, die den elterlichen Betrieb übernahmen.

Auch aktuell führt Brigitta Seidel das Traditions-Lokal im Herzen von Hitdorf an der Ecke Langenfelder/Hitdorfer Straße, das im gesamten Umland bekannt ist. Seit 32 Jahren ist sie im Geschäft, übernahm vor 14 Jahren von ihren Eltern die Gaststätte in fünfter Generation.

Schon als Kind war die heute 52-Jährige dazu auserkoren. Denn weder der ältere Bruder als Priester noch der jüngere Bruder als Wirtschaftsinformatiker zeigten Interesse an Gastronomie. „Ich hatte keine andere Wahl. Für mich war immer klar, dass der Betrieb weitergehen musste“, beschreibt die zweifache Mutter und ausgebildete Köchin. „Heute wüsste ich nicht mehr was ich anders machen sollte“, fügt sie hinzu. Während ihr Platz zum größten Teil hinter der Theke ist, steht Mutter Cilli Kürten (79) in der Küche. Ursprünglich war sie Bürokauffrau. Seit sie in den Betrieb eingeheiratet und einige Lehrgänge besucht hatte, führt sie die Regie am Herd. Wenn viel zu tun ist, helfen Tochter Brigitta und Enkelin Katharina (20) in der Küche, während Schwiegersohn Robert die Theke und Enkelin Anna (18) den Service übernimmt. Das ist meistens im Winter der Fall, wenn auch deshalb Gäste kommen, um die üppige Weihnachtsdekoration zu bewundern. Dann gibt es unter anderem eine Eisenbahn und eine Fensterfront mit Rentierschlitten, mehrere große Tannenbäume und vieles mehr. Brigitta Seidel hat ein Faible für Weihnachten. Sie sagt: „Ich dekoriere über eine Woche, bis ich so viele Lichter habe, so dass ich kein anderes Licht außer der Weihnachtsbeleuchtung einschalten muss.“

Gänse mit Klößen und Rotkohl gelten zur Weihnachtszeit als Spezialität des Hauses. Ansonsten werden bürgerliche Gerichte mit wechselnden und der Jahreszeit angepassten Speisen serviert. Im Ausschank gibt es Früh Kölsch, Radeberger Pils und – wegen der Nähe zu Monheim  – Füchschen Alt.
„Uns hilft natürlich, dass wir hier im Ort verwurzelt sind und alle Menschen kennen“, betont Brigitta Seidel. „Sonst hätten wir uns nicht zu lange halten können“, ergänzt ihre Mutter. „Wir könnten das alles nicht schaffen, wenn die Familie nicht helfen würde“, sagt wiederum die Chefin des im Jahre 1849 gegründeten Lokals mit drei Räumen und 110 Plätzen. Die Einrichtung ist rustikal gehalten. „Wir haben bewusst darauf geachtet, immer einen alten Kern zu bewahren“, berichtet Cilli Kürten.

Da gibt es zum Beispiel den Stuhl mit Einschlag eines Granatsplitters vom Zweiten Weltkrieg. Der mehr als 100 Jahre alte Boden wurde schon einmal gedreht. Dort, wo heute der gusseiserne Kachelofen steht, war früher ein Abgang in den Bierkeller. In einem Schrank werden mehr als 100 Jahre alte Biergläser aufbewahrt. Über einem Tisch ist ein alter Richtbalken aus 1727 angebracht, der 2006 beim Abriss des Altbaus zum Vorschein kam, in dem einst die Küche untergebracht war. In dieser wird seit Jahren nicht nur für Gäste des Hauses gekocht, sondern auch Außer- Haus-Mittagstisch für 40 Personen zubereitet.

Doch das Ende der Dorfkneipe ist programmiert. „Wenn ich Schluss mache, habe ich keinen Nachfolger“, merkt die Hausherrin an und versichert zugleich: „So lange es geht, machte ich weiter.“ Die Kinder würden zwar helfen, hätten aber keinerlei Interesse an einer Fortführung der Tradition, bedauert sie. Das liege auch an der schlechten Bezahlung und der wenigen Freizeit. Wirtsleute gehörten heutzutage ohnehin zu den Dienstleistern mit dem schwierigsten Job.

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