Amerika auf dem Motorrad: Ein Fall von Unfallflucht mit der Fähre

Amerika auf dem Motorrad : Ein Fall von Unfallflucht mit der Fähre

Die Polizisten Julia Becker und Hans-Dieter Husfeldt berichten von ihrem Lebenstraum: Amerika auf dem Motorrad.

Meine Wiedereinreise in die USA erfolgt vom Süden Vancouver Islands. Hier nehme ich die Fähre nach Port Angeles, Washington. Ganz hinten, mit Vorderrad in Richtung Ausladeluke, soll ich mein Motorrad sichern. Keiner hilft mir — hier zeigt sich die Angst der Amerikaner vor Schadenersatzklagen. Ich bekomme Holzkeile, die ich seitlich unter den Motorschutz schieben kann. Außerdem zeigt man mir dünne Taue zum Festzurren. Meine Festbindekünste sehen eher laienhaft aus. Egal, die Überfahrt ist kurz, so wild kann das nicht sein.

Als sich die "Black Ball Fähre" in Bewegung setzt, wundere ich mich, dass wir mit voller Kraft rückwärts fahren. Ein Passagier erklärt mir, das sei völlig normal, im Hafen von Victoria werde rückwärts "ausgeparkt". Noch während ich leicht zweifele, kommt das gegenüber liegende Ufer des Hafens immer näher. Plötzlich Geschrei, alles rennt zum Heck, Menschen am Ufer brüllen und winken wie wild: Dann splittert Holz, ein Steg ist hinüber, das große Segelschiff dahinter neigt sich und berührt mit den Masten das Ufer. Ich halte mich an einer Eisenschiene fest, denke noch, wenn wir jetzt untergehen, sollte ich die schweren Crossstiefel ausziehen.

Dann grollt es wie wild und die Fähre fährt — erneut mit voller Kraft — raus in Richtung Meer. Legen wir da gerade eine Verkehrsunfallflucht hin? Die Polizistin in mir rebelliert, bis ich merke, dass unsere Fähre aus irgendeinem Grund schlecht zu manövrieren ist. Die Mannschaft rennt hektisch umher, der Wind ist sehr stark und die Wellen sind hoch. Jeder, der draußen steht, muss sich festhalten, weil man sich sonst nicht auf den Beinen halten kann. Auf offener See dann Maschinenstillstand. Die Mannschaft versucht mit riesigen "Brechstangen" irgendwas am Bug des Schiffes zu lösen. Als Ruhe eingekehrt ist, befrage ich den Zuständigen an Bord zum Vorfall von eben. Er meint, es sei alles in perfekter Ordnung. Ich spreche ihn auf den Holzsteg und das Segelschiff an. Die Antwort: Alles in Ordnung. Ich frage, ob man immer so "ausparkt" — kein Kommentar.

Ich denke: Hoffentlich ist niemand verletzt worden, aber ein zweiter Gedanke gilt auch meinem Motorrad, welches ich ja selber sichern musste. Als wir runter zu den Fahrzeugen dürfen, bin ich erleichtert. Die Fähre war so groß, die ist wie beim "Eierklopfen" einfach durch alles durch und mein Motorrad steht unverändert am Abstellplatz. Ich bin froh, als ich festen Boden unter mir habe: "Da meint man doch, auf solch einer Reise verunglückt man, wenn überhaupt, beim Motorradfahren. Dann nimmt man eine ganz normale Fähre und havariert!"

Ich reise an der Küste runter in Richtung Süden. Mein Ziel ist der Mount St. Helens. Als Jugendliche hatte ich eine Reportage über den Ausbruch des Vulkans gesehen. Diese Reportage war derart faszinierend, dass ich mir die Gegend unbedingt anschauen möchte. Der Mount St. Helens ist ein Vulkan, der zum "Ring des Feuers" gehört. Am Sonntag, 18. Mai 1980, bricht der Vulkan aus. Der Nordflanke des Bergs bricht weg. Die Wucht entspricht der Kraft von mehreren Hiroshima-Atombomben. Der Fluss Toutle wird so erhitzt, dass er kocht. Fische verenden, tausende Bäume knicken um. Die Druckwelle verwüstete ein riesiges Gebiet (20 km breit, 32 km lang). 57 Menschen und tausende Tiere sterben. Glück, dass der Ausbruch an einem Sonntag passierte — sonst wären hunderte Waldarbeiter gestorben.

Im Städtchen Castle Rock suche ich eines dieser Besucherzentren. Die Dame am Schalter ist liebenswürdig und antwortet geduldig auf meine Fragen. Da sie Zeitzeugin des Vulkanausbruchs ist, will ich wissen, wie sie den Ausbruch erlebt hat und ob sie Angst vor einem erneuten Ausbruch des Vulkans hat. Die Dame sagt nachdenklich: "Der Vulkan wird auf jeden Fall wieder ausbrechen, es ist ein junger Vulkan." Sie hofft, dass die Wissenschaft inzwischen so weit ist, dass die Warnungen zuverlässiger und früher kommen. Nachdem ich einen Campingplatz gefunden habe, fahre ich noch am gleichen Abend zum Vulkan und fliege mit einem Helikopter zu "meinem" Mount St. Helens. Was sofort ins Auge fällt: Im Krater erhebt sich schon wieder ein gewaltiger Hügel und es steigt Rauch auf.

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