Leverkusen: Ein Besuch im Geister-Stellwerk

Leverkusen: Ein Besuch im Geister-Stellwerk

Der 14. August auf dem Kalender ist von einem roten Kreis umrandet, auf dem Schreibtisch liegen Formulare, im Schrank stehen Aktenordner. Durch die Glaswand gegenüber sieht man die meterlangen Relaiswände. Der erste Stock ist verlassen – so wie das gesamte Stellwerk Opladen. Dort wird seit Monaten nicht mehr gearbeitet. Signale und Weichen der Zugstrecken werden nun von Duisburg aus gesteuert. Per Computer. Doch bevor das Gebäude abgerissen wird, durfte die RP noch einmal reinschauen.

Der 14. August auf dem Kalender ist von einem roten Kreis umrandet, auf dem Schreibtisch liegen Formulare, im Schrank stehen Aktenordner. Durch die Glaswand gegenüber sieht man die meterlangen Relaiswände. Der erste Stock ist verlassen — so wie das gesamte Stellwerk Opladen. Dort wird seit Monaten nicht mehr gearbeitet. Signale und Weichen der Zugstrecken werden nun von Duisburg aus gesteuert. Per Computer. Doch bevor das Gebäude abgerissen wird, durfte die RP noch einmal reinschauen.

Das erste Teilstück der neuen Campusbrücke wurde am Mittwoch "eingeflogen". Foto: Miserius, Uwe

Im obersten Geschoss, der ehemaligen Aussichtskuppel der Steuerungszentrale, sieht es wüst aus. Ein "Lorenz 60"-Spurplan-Stellwerk stand dort, die Wand ist noch da, das Pult nicht mehr. An der Seite der Wand hängt noch eine Geburtstagsliste, auf den Ablagen an den Fenstern liegen leere Tabakdosen, eine Brille, Ordner mit Urlaubsplänen stehen neben Auftragsbüchern. "Hier haben die Fahrdienstleiter die Weichen und Signale gestellt", erklärt Roger Enkel, Bezirksleiter Betrieb bei der Deutschen Bahn. "An der Wand sieht man die Strecke von Immigrath bis nach Morsbroich."

Zwei Jahre hat der Umbau gedauert, bis die Züge von Duisburg aus gesteuert werden konnten, 300 Kilometer neue Kabel wurden verlegt und 40 Kilometer lange Kabelkanäle waren nötig. Die Umstellung sei aber nötig gewesen: Die Technik im Opladener Stellwerk sei von 1972, die in Leichlingen und Solingen, die nun ebenfalls über Duisburg gemanaged werden, von 1964 gewesen. "Die Technik war immer störanfälliger und die Ersatzteilsuche schwieriger", sagt Enkel.

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Neben der Wand steht ein Drucker, das Papier darin ist schmaler als üblich. "Ein Störungsdrucker", sagt Enkel. "Die Weichen wurden normalerweise per Tastenbedienung freigestellt. Wenn sie Rot zeigten, obwohl sie trotzdem frei waren, also ein Fehler vorlag, dann konnte man sie auch per Hand ,freimachen'. Das wurde dann aber mit dem Drucker festgehalten." Waren die Weichen eingefroren, wurden sie beheizt.

Die "Weichenheizungsanlage" hängt noch an der Wand — so wie das Telefon ohne Wählscheibe, direkt zum Vorgesetzten. Daneben steht eine Klimaanlage. "Die ist nagelneu", sagt Enkel. "Die müssen wir retten, bevor das Stellwerk abgerissen wird." Dann geht er aufs Dach, deutet über die Gleise:"Das Ausbesserungswerk war auch neu — und wurde schnell wieder geschlossen. Eine politische Entscheidung."

Einen Stock tiefer, in der Relaisanlage, muss noch ordentlich geackert werden, bevor die Abrissbirne kommt. "Das kommt alles nach Solingen", berichtet der Bahn-Experte. "Die Anlagen haben eine Halbwertszeit von 30 Jahren — wir müssen jetzt anfangen, die Sachen für anfallende Reparaturen vorzuhalten." Nicht alles ist mehr in Ordnung, das zeigt der Zettel an einem Kasten: "Defekt nach Blitzeinschlag 28.7.2012", hat jemand dort vermerkt. "Bastler hätten hier ihre helle Freude", sagt Enkel und lächelt.

(RP/rl)
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