Leverkusen: Der etwas andere Weill

Leverkusen: Der etwas andere Weill

Am Wochenende brachten Absolventen des Studiengangs Musical der Folkwang Hochschule Essen "One Touch of Venus" auf die Bühne des Kulturhauses. Inmitten gefälliger Melodien und Instrumentierung agiert das Ensemble temporeich und fast überengagiert.

Es war die Spielzeit der Uraufführungen und Premieren. Am Wochenende hob sich im Kulturhaus zum vierten Mal der Vorhang für eine Produktion, die in Leverkusen unter Patenschaft von Bayer Kultur das Licht der Welt erblickte. Nach Orpheus (mit der Musikhochschule Köln) feierte jetzt eine Aufführung von Absolventen des Studiengangs Musical der Folkwang Hochschule Essen auf der Bühne Premiere, wo die letzten Proben stattgefunden haben.

Zu Hause in Essen wird das schwungvoll inszenierte Stück samt mitreißender Musik von Kurt Weill erst am kommenden Wochenende zu sehen sein.

Orientierung am Broadway-Style

Es ist ein anderer Weill, den man bei "One Touch of Venus" kennenlernt. Melodien und Instrumentierung sind sehr viel gefälliger, mehr am Broadway-Style der vierziger Jahre orientiert als seine bekannteren Vertonungen von Brecht-Texten. Die moderne Adaption des Pygmalion-Stoffes ist die kuriose Geschichte einer Venus-Statue, die zum Leben erwacht, als ihr ein junger Barbier aus einer Laune heraus den Ring überstreift, der eigentlich für seine Verlobte bestimmt ist.

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So beginnt ein Spiel der Verwicklungen, das eine besondere Note durch die überirdischen Zauberkräfte der Göttin bekommt und bei aller Unterhaltsamkeit nachdenkenswerte Aspekte von Liebe und Glück enthält. Das Studenten-Ensemble spielte temporeich und fast überengagiert, jede einzelne Bewegung durchchoreografiert.

Faszinierend war der Umgang mit dem wandlungsfähigen Bühnenbild von Beata Kornatowska. Hochkannt gestellte Quaderkästen und Rahmen ließen sich hin und her rollen und wahlweise in Hochhäuser, Inneneinrichtung, Museum oder Gefängnis verwandeln. Eines dient auch als Transportkiste für die Marmorvenus, als Miriam Schwan in versteinerter Haltung erstmals auftritt, um dann zu erwachen und die bis dahin graue Szene optisch zu kolorieren.

Präsent und souverän waren Spiel und Gesang wie auch bei ihren Partnern Andreas Bongard als Friseur Rodney und Matthias Kreinz als Gegenspieler Savory. Packend war Verena Mackenberg als desssen schneidige Assistentin und — ihrer Rolle entsprechend — herrlich schrill Michèle Fichtner als Verlobte Gloria.

In jeder Hinsicht beswingte Musik stieg aus dem Orchestergraben auf, der in diesem Haus nicht so oft in Betrieb ist, weil hier Musiktheater doch eher die Ausnahme ist. Auch dort waren unter der Leitung von Patricia Martin Studierende aktiv. Knackig klangen besonders die flotteren Stücke, bei den lyrischeren Passagen sorgten die starken Blechbläser für sehr viel Sound, mit dem sich die Sänger oben auf der Bühne zu arrangieren hatten, um entweder in der Begleitung unterzugehen oder entgegen dem Charakter der Musik Druck zu machen.

(RP)
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