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Leverkusen: Debatte um den Charakter der Waldsiedlung

Leverkusen : Debatte um den Charakter der Waldsiedlung

Diskussion über Baugenehmigungen für den kleinsten Stadtteil von Leverkusen, der als Prominentenviertel gilt.

Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn hat die Politiker im Bauausschuss überrascht. Positiv. Ratsuchend. Dennoch verwirrend. Die zentrale Frage, die der amtierende Baudezernent am Montag stellte: Soll der Charakter der Waldsiedlung mit den typischen Spitzdach-Siedlungshäusern, teils aus den Vorkriegsjahren, unverfälscht erhalten bleiben oder kann die Stadt moderne Häuser genehmigen, die deutlich größer als die Originalbauten mit knappen 80 Quadratmeter Wohnfläche sind? Eine generelle Frage, die auch für andere Leverkusener Siedlungen, wie in Opladen, Bedeutung entwickeln kann.

 ... über ein idyllisch hergerichtetes Haus in der typischer Bauweise mit Dachschrägen im ersten Stock ...
... über ein idyllisch hergerichtetes Haus in der typischer Bauweise mit Dachschrägen im ersten Stock ... Foto: Schütz, Ulrich (us)

Die Positionen im Fall der Waldsiedlung sind unterschiedlich: Buchhorn würde "persönlich" Häuser genehmigen, die den heutigen Platzwünschen entsprechen. Lena Zlonicky (Leiterin Bauaufsicht) sagt, so einfach gehe das alles nicht. Neue Häuser oder Umbauten müssen ins Umfeld passen. Dazu präsentierte sie einen Fall aus der Dillinger Straße in der Waldsiedlung. Die Bauherren, zwei Brüder, wollen nebeneinander zwei identische Häuser bauen. Die Altbauten sind schon abgerissen.

 ...bis hin zum neuzeitlich gestalteten Architektengebäude mit Tiefgarage und viel Glas.
...bis hin zum neuzeitlich gestalteten Architektengebäude mit Tiefgarage und viel Glas. Foto: Schütz, Ulrich (us)

Der Knackpunkt an den laut Bauaufsichtschefin Zlonicky "ansprechenden" Bauentwürfen: Die Dächer enden in etwa sechs Meter Höhe, die übliche "Traufhöhe" in der Waldsiedlung liegt laut Stadt bei rund vier Metern. Der optische Unterschied dabei: Die beantragten Häuser wirken wie zweigeschossige Gebäude. Viele Nachbargebäude, die das Dach tiefer gezogen haben (mit Schräge in der ersten Etage), sehen auf den ersten Blick wie eingeschossige Häuser aus. Gerade diese "ursprüngliche" Hausart macht aber den "typischen Charakter" der Waldsiedlung aus.

Damit ist der Streit da. "Ich kann mir die Realisierung der beantragten Gebäude vorstellen", sagte Stadtchef Buchhorn, "ich werde die Entscheidung aber nicht beeinflussen." SPD-Politiker Wolfgang Pockrand lehnt "solche Ausreißer" für die Waldsiedlung ab. Werde dies genehmigt, dann würden weitere Bauanträge solcher Art folgen. "Wir müssen das geschlossene Bild der Waldsiedlung erhalten", argumentierte Grünen-Ratsherr Gerhard Wölwer, der 20 Jahre in dem Stadtteil gewohnt hat. Die Bauherren müssten sich bewegen und die zwei Einfamilienhäuser umplanen.

CDU-Ratsherr Frank Schönberger (lebt seit 19 Jahren in der Waldsiedlung) würde größere Gebäude erlauben, als den "modernen Waldsiedlungs-Haustyp". Die alten Hausgrößen entsprächen nicht dem Zeitgeschmack. Bürgerlisten-Vertreter Paul Scharbrodt (41 Jahre Waldsiedlung) skizzierte das Dilemma für diesen Stadtteil: Von Schloss Neuschwanstein (mit zwei Türmchen) bis zur Villa sei alles in der Waldsiedlung genehmigt worden. Trotzdem fordert er, nur Gebäude zu erlauben, die sich ins Straßenbild einfügen: "Macht die Waldsiedlung nicht kaputt." Bauaufsichtschefin Lena Zlonicky räumt ein, dass es "Bausünden" gibt, die sie nie genehmigt hätte. Für die Waldsiedlung gilt als Entscheidungsgrundlage nur der § 34 des Baugesetzbuches, der viel Spielraum lässt. Daran orientierte Baubescheide sind oft Grund für Gerichtsverfahren. Diesen Zustand will Buchhorn ändern und eine Gestaltungssatzung für die Waldsiedlung "mit oberster Priorität" entwickeln lassen.

Laien verstehen das amtliche Nein für das Bauprojekt Dillinger Straße nicht: Ringsherum stehen zahlreiche Häuser, deren Dachform und Bauhöhe streng genommen nicht zum Charakter der Waldsiedlungshäuser passen, aber ansprechend und modern erscheinen.

(RP/rl)