Serie Uhr-Zeiten: Das digitale Zeitalter bricht im Zählerwesen erst jetzt an

Serie Uhr-Zeiten: Das digitale Zeitalter bricht im Zählerwesen erst jetzt an

Rund 100.000 Stromzähler gibt es in der Chemiestadt. Um sie abzulesen, müssen Mitarbeiter der Energieversorgung Leverkusen in jedes Haus. Oft kein leichtes Unterfangen.

Leverkusen Nicht nur Tage, Monate und Jahre werden gezählt. Außer Uhren und Kalendern gibt es auch noch andere Zähler in jedem Haus: nämlich solche, die zum Beispiel den Stromverbrauch messen. Rund 100.000 dieser Geräte hängen in den Leverkusener Kellern oder Wohnungen. Abgelesen, gewartet und ausgetauscht werden sie von der Energieversorgung Leverkusen (EVL). "Ein Ableser erfasst täglich 200 bis 250 Zählerstände", berichtet EVL-Sprecher Stefan Kreidewolf. Auch bei Leuten, die keine Kunden des Energieversorgers seien. Denn die Dienstleistung erfolge im Auftrag der Rheinischen Netzgesellschaft mbH (RNG), die die Leitungsnetze in der rheinischen Region betreibt.

Seit 2017 werden in Privathaushalten digitale Zähler eingesetzt, die künftig eine Fernablesung ermöglichen sollen. Foto: EVL

Ganz so einfach ist die Arbeit der Ableser jedoch nicht. Die Hauptschwierigkeit: überhaupt in die Häuser hineinzukommen. Denn das geht nur mit dem Einverständnis der Bewohner. "Tendenziell war das Ablesen früher leichter, da in den Haushalten viel öfter jemand anzutreffen war", berichtet Markus Tlatlik, der bei der EVL die Einsätze der Ableser koordiniert. "Heute gibt es viel mehr Berufstätige." Und die wenigen, die tagsüber zu Hause seien, ließen angesichts von zunehmenden Warnungen vor Trickbetrügern oder Haustürgeschäften nur noch ungern Fremde ins Haus.

Der Stromversorger erkläre daher den Kunden regelmäßig, woran "echte" Ableser zu erkennen seien. "Sie haben EVL-Kleidung an, die externen Aushilfen eine EVL-Weste mit Logo. Alle tragen ihre Ausweise bei sich", sagt Stefan Kreidewolf.

Und die echten Ableser sind hartnäckig. Bis zu drei Mal fahren sie jeden Haushalt an. Zwei Mal versuche der EVL-Mitarbeiter, mit dem Kunden vor Ort einen Termin für die Zählerablesung zu vereinbaren oder den Zähler direkt abzulesen. "Nach zwei erfolglosen Ableseversuchen beziehungsweise gescheiterten Terminvereinbarungen per Postkarte wirft der Ableser beim dritten Mal eine Selbstablese-Karte ein", erklärt Kreidewolf. Diese Vorgehensweise sei von der RNG vorgegeben und im Messtellenbetriebsgesetz geregelt.

Den Ablesern sei die Methode zudem bestens vertraut, schließlich arbeiteten einige seit 40 Jahren im Leverkusener Netzgebiet. "Die haben natürlich viel erlebt, bis hin zum obligatorischen Hundebiss", erzählt Tlatlik.

40 Jahre alt sind auch einige Geräte, die von den Ablesern kontrolliert werden. Das liegt daran, dass das Zählerwesen bereits eine lange Tradition hat. "Am 11. November 1926 - das ,Gas- und Wasserwerk' war 1924 in ,Städtische Betriebswerke' umgestaltet worden - trat der erste Stromableser in Aktion", erzählt Kreidewolf. Drei Jahre später, zum 1. Januar 1927, übernahmen die Betriebswerke auch die technische Verwaltung der Stromversorgung. Dem Netz gehörten zu dem Zeitpunkt Bürrig, Wiesdorf, Rheindorf, Schlebusch und Steinbüchel an. "1939, neun Jahre nach der Gründung der Stadt Leverkusen, wurde ein einheitlicher Stromtarif eingeführt. Seit 1941 gab es Grundpreistarife für Haushalt und Gewerbe."

Schon damals seien so genannte Ferraris-Zähler mit Induktionsprinzip zum Einsatz gekommen. "Die nach dem italienischen Ingenieur und Physiker Galileo Ferraris benannten Messgeräte setzten sich weltweit durch und wurden bei der EVL bis 2017 verbaut", berichtet der Unternehmenssprecher. Die Zähler seien geeicht und müssten alle 16 Jahre ausgetauscht werden. Sofern die Geräte aber noch richtig messen, könne die Gültigkeit der Eichung um jeweils weitere fünf Jahre verlängert werden.

Vier EVL-Mitarbeiter seien zurzeit ausschließlich als Ableser tätig. Bei Bedarf würden weitere Beschäftigte damit beauftragt, außerdem Aushilfen und Fremdfirmen, sagt Kreidewolf. Trotz des technischen Fortschritts werden sie auch in naher Zukunft noch gebraucht. "Eine Fernauslesung von Stromzählern bekommen zurzeit nur die Großkunden der EVL."

Im Privatbereich dauere die Fernablese noch etwas, auch wenn mit dem 2015 beschlossenen Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende eine umfassende Veränderung des deutschen Mess- und Zählwesens angestoßen worden sei. Erste Erfahrungen habe die EVL 2009 bei Pilotprojekten gesammelt. Seit Oktober 2017 verbaue das Unternehmen in den Haushalten schrittweise moderne Messeinrichtungen. "Das sind digitale statt analoge Zähler, die in einem zweiten, späteren Schritt mit einer Kommunikationseinheit aufgerüstet werden", sagt Kreidewolf. "Mit der Kommunikationseinheit wird der Zähler zum intelligenten Messsystem, das die Zählerstände dann automatisch an den Messstellenbetreiber schicken kann." Dann müssten keine Ableser mehr an den Haustüren klingeln.

(sug)