Covestro-Chef Markus Steilemann: Neubau ist keine Legebatterie

interview markus steilemann : Covestro: Neubau ist keine Legebatterie

Quartalsbilanz. Mit der RP sprach Konzernchef Steilemann über den schwächeren Jahresstart und die Aussichten.

Markus Steilemann hat ein fast papierfreies Berufsleben. „Ich habe seit einigen Monaten die Unordnung ins Laptop verlagert“, sagt er. Gut so. Denn ab 2020 zieht auch der Covestro-Chef ins neue Verwaltungsgebäude des Kunststoffkonzerns an der B 8. Dort sind für jeden Mitarbeiter 1,20 Meter Regalfläche vorgesehen. Wie die neue Arbeitswelt – an der niemand einen festen Schreibtisch hat, sondern die Arbeitsform wählt, die zu seiner jeweiligen Aufgabe passt – funktioniert, weiß er. In Asien wurde „diese Arbeitswelt eingeführt. Ich habe eineinhalb Jahre dort so gearbeitet.“ Angst, dass der neue Campus zur Quatschbude verkommt, hat er nicht. „Ein Schwätzchen zwischendurch halte ich für ein produktives Element.“ Und: „Die neue Arbeitswelt ist keine Legebatterie.“

Während das alles an der B8 emporwächst, schrumpften im ersten Quartal die Kennzahlen: Konzernumsatz, Ebitda, Konzernergebnis sackten ab (siehe Infokasten). Wer den Konzern noch aus der Zeit kennt, als er Bayer-Kunststoffsparte war, den erinnert das zart an 2008/2009, als die Wirtschaftskrise die Kunststoffsparte beutelte. Krisenstimmung? „Nach damaligen Maßstäben sind unsere heutigen Zahlen rekordverdächtig. Es ist übertrieben, von Krise zu sprechen.“ Gleichwohl sei das Kunststoffgeschäft ein zyklisches, das erste Quartal war herausfordernd: „Der Absatz in der Autoindustrie etwa ist weltweit um fünf Prozent geschrumpft“, sagt der Manager. Folge für Covestro: Die abgesetzten Mengen im Bereich Polycarbonates, das auch in Autos zum Einsatz kommt, waren rückläufig. Andererseits laufe es in Elektro- und Bauindustrie gut. Gleichwohl rechnet Steilemann im zweiten Quartal nicht mit Belebung. „Es herrscht eine ökonomische Unsicherheit gerade im Bereich Auto.“ Ein Stichwort dazu: die sich verändernde Mobilität. Elektroautos allerdings kommen Covestro entgegen, weil der Konzern für die Bereiche Batterie und Leichtbau arbeitet. Für das zweite Halbjahr rechnet Steilemann mit deutlicher Erholung.

Dann rückt der Brexit erneut in greifbarere Nähe. Allerdings: Großbritannien spielt beim Konzern keine große Rolle. Der Umsatz dort macht zwei Prozent des Gesamtumsatzes aus. In Großbritannien produziert der Konzern nicht, kann auch keine Materialvorräte für Kunden anlegen. „Unsere Reaktivchemikalien haben eine begrenzte Lagerfähigkeit von ein bis zwei Monaten. Wir müssen frisch liefern.“ Britische Kunden dächten bereits über Ausweichhäfen in der EU nach.

Hierzulande treiben den Konzern infrastrukturelle Themen um: neben der A1-Brücke auch die allgemeine Sorge zu einem neuen Dürresommer und also Niedrigwasser im Rhein. „Alles Spekulation. Nichtsdestotrotz bereiten wir uns vor. Aber es ist auch klar, dass die enormen Gütermengen, die über den Rhein transportiert werden, nicht komplett über Straße und Schiene aufgefangen werden können.“ Steilemann kommt auf die Politik zu sprechen: „Energieintensive Industrien sind auf erneuerbare Energie zu bezahlbaren Preisen angewiesen.“ Da müsse die Politik mehr tun, um diese Industrien in Deutschland zu halten. Derzeit gilt aber bei Covestro: „Leverkusen ist Heimat.“

Trotzdem trennt sich der Konzern  hier von den meisten der 400 Stellen, die in Deutschland abgebaut werden (weltweit 900). Das gehört zum Effizienzprogramm bis 2021. Abgebaut wird sozialverträglich, Covestro hat die Standortsicherung, die betriebsbedingte Kündigungen ausschließt, bis 2025 verlängert.

Vor einigen Wochen gewährte Covestro (im Bild: Projektleiter Thomas Adenauer) Einblick in das neuen Bürogebäude, in dem das Unternehmen eine neue Arbeitsweise einführt. Ins Jahr startete der Konzern mit einer schwächeren Quartalsbilanz. Allerdings: Die des Vorjahres war rekordverdächtig. Foto: Miserius, Uwe (umi)

Apropos Standort: Bayer will seine 60 Prozent am Chemparkbetreiber Currenta verkaufen. Covestro will sie nicht. Zum Warum sagt Steilemann nur: „Wir fühlen uns als Kunde wohl, sind aber kein Chemieparkbetreiber.“