Circus Liberty kämpft ums Überleben

Winterquartier in Leverkusen: Kleiner Zirkus kämpft ums Überleben

Elf Menschen arbeiten im Circus Liberty, zur Show gehören 20 Tiere. Sie alle haben nun in Leverkusen ihr Winterquartier aufgeschlagen. Es sind harte Zeiten für den Betrieb.

Besucher der Fußgängerzone kennen die beiden schon: Beinahe täglich steht Tierpfleger Mike mit dem Shetlandpony Piccolo auf der Straße. Das Pony kaut sein Heu, Mike sammelt Geld fürs Futter. Insbesondere ältere Frauen und Mütter mit Kindern bleiben gerne stehen, halten ein Schwätzchen, streicheln das Pony und werfen ein paar Münzen in die Dose. Andere schimpfen, befürchten, dass das eingedeckte Pony frieren könnte. "Wenn hier jemand friert, bin ich das", sagt der Mann. "Niemand muss mir was geben, aber die sollen aufhören, solchen Unsinn zu reden."

Im Industriegebiet Fixheide stehen Zirkuswagen auf einer Grünfläche. In einem Stallzelt wohnen Pferde, Ponys, Kamele und Lamas. Draußen, in eingezäunten Paddocks, genießen Esel, eine Ziege und weitere Kamele die Sonne. Alle Tiere haben dickes Winterfell und machen einen gepflegten und gesunden Eindruck. "Der Amtsveterinär ist immer zufrieden, wenn er kommt", sagt Zirkusdirektor und Familienoberhaupt Günther Weiss.

Seit November hat der Circus Liberty aus Homberg an der Saar hier sein Winterquartier aufgeschlagen. Elf Menschen und 20 Tiere warten auf die nächste Zirkus-Saison, die neue Auftritte und damit Geld in die leere Kasse bringen soll. Circus Liberty - das sind Günther Weiss (Jahrgang 60), seine Frau Marina, seine Kinder Francesco und Lorena mit ihren Partnern und zwei Kleinkindern sowie seine jüngste Tochter, die 16-jährige Chantal. Drei Generationen, die einen ganzen Illusionsbetrieb stemmen. Francesco Liberty, so der Künstlername, ist verantwortlich für die Tierdressuren, seine Schwiegertochter Joanna tritt mit der zweijährigen Tochter als Clownin auf, Sohn Francesco ist Artist und Messerwerfer, seine Tochter Lorena tanzt auf dem Seil, und die 16-jährige Chantal ist Akrobatin.

Viele Plätze bleiben in der Saison leer

12 bis 14 Euro Eintritt kostet der Besuch einer Vorstellung des Circus Liberty, aber es wird immer schwerer, das 250 Plätze große Zelt zu füllen. Die Jugend interessiert sich mehr für Computerspiele, auch junge Eltern sieht die Zirkusfamilie selten. "Es sind in erster Linie Großeltern mit ihren Enkeln, die die Vorstellungen besuchen. Früher haben wir genug verdient, um problemlos durch den Winter zu kommen", erinnert sich Weiss. Jetzt ist er heilfroh, ein kostenloses Winterquartier gefunden zu haben. Er verdankt es Elinor Naumann-Wiebach, der Grundstückseigentümerin, die dem kleinen Zirkus gerne behilflich ist: "Ich mag die Tiere", sagt sie schlicht. Auch sie hat zuerst "Mike und sein gepflegtes Pony" in der Fußgängerzone kennengelernt und ihm spontan ihr freies Grundstück angeboten. "Schon am Nachmittag kamen Günter Weiss und seine Frau und haben sich für das Angebot bedankt", berichtet die Eigentümerin.

Die kleine Zirkustruppe repariert, lackiert oder wartet Wohnwagen, Autos und Zelte und sieht zu, dass es den Tieren an nichts mangelt. "50 bis 60 Euro kostet ein Rundballen Heu. Wir brauchen zwei davon am Tag", rechnet Weiss vor. Da ist natürlich jede Futterspende willkommen. Die Zeiten sind hart für kleine Zirkusse, aber Weiss sieht für sich keine Alternative: Zirkus kann er, einen Bürojob nicht. Auch seine Kinder, deren Schule bereits eine virtuelle war, "mit Aufgaben per E-Mail und Lehrerbesuchen im Wohnwagen", können sich nichts anderes vorstellen. Circus Liberty - Freiheit - will bald wieder auftreten. Günter Weiss sucht bereits im Umland nach Gastspielmöglichkeiten.

(ilpl)