Monheim/Leverkusen: Chirurgen weisen Patienten ab

Monheim/Leverkusen : Chirurgen weisen Patienten ab

Weil sie ihre Vergütung pro Fall für zu niedrig halten, verschieben einige Facharztpraxen bei Patienten, die kein Notfall sind, die Behandlung in ein anderes Quartal. Statt eines Termins erhalten die Betroffenen einen Brief.

Regina Pischke war "total schockiert", als sie bei ihrem letzten Arztbesuch in der Chirurgiepraxis am Lerchenweg eine Hiobsbotschaft zu hören bekam. "Möglicherweise werden Sie in diesem Quartal nicht mehr behandelt." Die in einer Betriebskrankenkasse gesetzlich versicherte Hitdorferin wird seit einigen Monaten wegen eines Sportunfalls in der Praxis von Dr. Christian Neumann und Christian Reichert behandelt.

Doch nicht nur in Monheim, auch in anderen chirurgischen Praxen im Südkreis kann es vorkommen, dass ein Patient — wenn ihn keine akuten Schmerzen plagen — statt eines Behandlungstermins ein Schreiben erhält.

Darin liest er, dass man ihn für die dem Arzt von der Krankenkasse gezahlte Vergütung nicht behandeln kann; die betriebswirtschaftlich belegbaren Praxiskosten überstiegen die Rückvergütung. Hinzu komme, dass die Zahl der Fälle, die angenommen werden dürfen, begrenzt sei.

Nicht kostendeckend

Seit Juli 2010 erhalten die Fachärzte nach eigenen Angaben nur noch 24,53 Euro einschließlich Röntgenleistungen pro Patient und Quartal, egal was diesem fehlt oder wie oft er behandelt werden muss. Das Regelleistungsvolumen — so der Fachausdruck — für die Chirurgen betrug für das erste Quartal 2009 immerhin noch 30,88 Euro. Doch schon das war nach Einschätzung der Ärzte nicht kostendeckend.

"Die Behandlung beispielsweise eines Knochenbruchs benötigt in der Regel fünf Kontakte mit vier Mal röntgen, zwei Gipsverbände, Briefe an den Hausarzt und die Beantwortung der Anfragen der Krankenkassen", erfährt der abgewiesene Patient schriftlich, ergänzt um den Hinweis, dass jeder monatliche Herrenhaarschnitt deutlich teurer ist. "Wer einen Unfall erleidet oder Schmerzen hat, wird selbstverständlich fachkundig versorgt", stellt Chirurg Dr. Harald Rosorius, Langenfeld, klar. Den Brief sollen die Patienten ihrer Krankenkasse vorlegen, damit diese "eine Lösung findet".

Die Vergütung, die ihr Arzt für ihre Behandlung bekommt, erscheint auch Regina Pischke "nicht auskömmlich". Sie überlegt, bei einem notwendigen weiteren Besuch im Quartal einen finanziellen Eigenanteil zu leisten und den von ihrer Kasse zurückzufordern.

"Das Honorar- und Abrechnungssystem der gesetzlichen Krankenkassen für Fachärzte ist undurchsichtig", klagt Dr. Christian Neumann. Es sei voller Kuriositäten. Selbst für einen Patienten, der sich — was man niemand wünschen mag — innerhalb eines Quartals Beine und Arme einzeln bricht, der also viermal intensiv behandelt werden muss, erstatte die Kasse dem Arzt insgesamt nur die genannten 24,53 Euro.

Die sinkenden Einnahmen bergen Risiken für die Praxen. "Wir sind auch Unternehmer", erinnern die Hildener Chirurgen Dr. Stephan Zölfl und Dr. Rudolf Kern an die betriebswirtschaftliche Folgen des bis zu 25-prozentigen Rückgangs der Erstattungsleistungen.

Die Kosten für Ärzte, Schwestern, Helferinnen, Reinigungskräfte, Praxisaussattung, Miete, Strom, Wasser blieben ja gleich. Die aus Sicht der Mediziner fragwürdige Quersubvention der Kassenpatienten durch die Honorare der Privatpatienten sei bei solchen Rahmenbedingungen auch nicht mehr möglich. Neumann und sein Kollege Reichert in Monheim verzichteten in diesem Jahr aus Kostengründen auf eine Auszubildende.

(RP)