Leverkusen: Bürgerprotest ist Standortrisiko

Leverkusen: Bürgerprotest ist Standortrisiko

Ernst Grigat, Leiter des Chemparks Leverkusen, stellte gestern ein neues Projekt von Betreiber Currenta vor: Besuchertage für Bürger. Die Bayer-Lanxess-Tochterfirma warnte, dass Investoren durch zu viel Kritik abspringen.

Ernst Grigat, Leiter des Chemparks Leverkusen, ist ein Turner. Muss er sein. Vor allem einer, der den Tatsachen-Spagat beherrscht. Zwischen der Tatsache, das 96 Prozent aller industriell fabrizierten Produkte mit Hilfe von Chemieprodukten hergestellt werden, was der Verbraucher aber nicht sehen kann. Und der Tatsache, dass es eine Minderheit von kritischen Bürgern in NRW schafft, die Debatte um Industrie und deren Großprojekte (z.B. Kraftwerk Datteln) zu dominieren.

"50 Prozent aller Bürgerbegehren setzen ihr Anliegen durch. Aktuell stehen 50 Prozent aller Kraftwerks-projekte auf der Kippe", sagte Ernst Grigat gestern in einem Pressegespräch. "Kritische Gruppen werden zum Risiko für den Industriestandort NRW." Denn nicht nur für Unternehmen wird ein Großprojekt, das womöglich durch den Widerstand der Bürger gekippt wird, äußerst risikoreich, sondern auch für Investoren, erläuterte Grigat. Die verlören schnell das Interesse, wenn sie mit Gegenwehr zu rechnen hätten und entschieden sich dann für die Investition an einem anderen Ort.

Immer wieder fragten Menschen, warum die Industrie gerade in so dicht besiedelten Gebieten Großinvestitionen tätige, dabei sei es genau anders herum: "Gerade weil die Industrie vor 150 Jahren große Investitionen getätigt hat, wurden die Gebiete erst so dicht besiedelt, weil die Menschen da Arbeit gefunden haben."

15 Prozent "Totalverweigerer"

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Laut einer Studie des NRW-Wirtschaftsministeriums zur Industrieskepsis in NRW sprechen sich 75 Prozent der Bevölkerung für den Erhalt von Industrie aus, 15 Prozent bezeichnen sich als "Totalverweigerer" von Industrie. Parallel sind aber 50 Prozent der Bevölkerung bereit, sich in einer Bürgerinitiative zu engagieren, nannte der Chemparkleiter gestern Zahlen.

Den Spagat zwischen David und Goliath will Grigat ein Stück weit schließen helfen, will das Akzeptanzproblem von Großinvestitionen der Industrie im Speziellen und von der Industrie in der Nachbarschaft im Allgemeinen beim Bürger versuchen aufzulösen. "Das beste Mittel gegen die Angst ist Aufklärung", sagte Grigat entschlossen. Vor allem vor dem Hintergrund der besonderen Situation in der Chemie. "Wir sind eine Riesenindustrie, die nicht wahrgenommen wird. Deswegen wollen wir erklären, was wir eigentlich tun."

Unter anderem soll das an drei Besuchertagen – jeweils zu unterschiedlichen Terminen in den Chemparks Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen – geschehen. Unter den Tagesoberthemen Sicherheit, Energie, Umwelt hat der Chemparkbetreiber ein Programm für die Gäste zusammengestellt. Dass sich dazu auch kritisch gestimmte Gäste anmelden werden – Ernst Grigat wünscht es sich, um besser gegen den Spagat angehen zu können und der Industrieregion NRW mehr Stand(ort)festigkeit zu geben.

(RP)
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