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Brigitte Glaser liest im Leverkusener Schloss Morsbroich

Lesung im Schloss : Als es Willy Brandt die Stimme verschlug

Brigitte Glaser las im Museum Litterale aus ihrem neuen Buch „Rheinblick“. Der akribisch recherchierte Polit-Roman spielt im Jahr 1972.

Auf den Tischen lag neben Erdnüsschen und Salzstangen dieses Mal auch Lakritzkonfekt von Haribo. Ein kleiner Hinweis auf den Ort des Geschehens von Brigitte Glasers neuem Roman „Rheinblick“, dessen Handlung sich zu einer Zeit ereignete, als noch niemand über einen Standortwechsel von Hans Riegel Bonn nachdachte. In genau zwei Wochen im November 1972 spielt das Buch, das Fiktion und akribisch recherchierte Realität vereint.

Brigitte Glaser, die bereits mit ihrem ersten historischen Roman „Bühlerhöhe“ sehr erfolgreich war, erklärte im Spiegelsaal von Schloss Morsbroich (der sie sogar mehr beeindruckte als ihr Leseort auf dem Petersberg) genau die Schnittstellen. Erfunden hat sie das Personal, das Einblick in die Politiker-Szene jener Zeit hatte und manches mitbekam, was man vor der Öffentlichkeit tunlichst verbergen wollte. Schließlich ging es in diesem Zeitraum um den Erfolg bei einer Bundestagswahl und die anschließenden Koalitionsverhandlungen, die besser laufen, wenn manches unter dem Deckel bleibt. Doch Hilde Kessel, die Wirtin vom „Rheinblick“, ein Lokal, in dem die Politiker lange vor dem Berlin-Umzug aus- und eingingen, kennt sie alle, die Strippenzieher der Macht. Jene, die sich wie die Kollegen von Rainer Barzel nach einem Misstrauensvotum am 18. November noch das vorschnelle Ende der Regierung Brandt ausgemalt hatten, genauso wie die politischen Gegenspieler bei SPD und FDP, die einen Tag später genügend Stimmen zur Fortsetzung der Koalition bekamen. Bei einer Wahlbeteiligung von 91 Prozent übrigens, der jemals höchsten bei einer Bundestagswahl. Anders als die Wirtin und ihr Lokal, für die es durchaus ein Vorbild in der Realität gab, sind solche Details verbürgt. Darauf hat Brigitte Glaser großen Wert gelegt. Lange und viel habe sie über diesen winzigen Abschnitt der deutschen Geschichte gelesen, um die Fakten zu untermauern und Dinge zu erfahren, die ihr erfundenes Personal verrät. Und so einen sehr lebendigen Einblick zu geben in eine „Zeit, als so viele Leute jung waren.“ Dabei blickte sah sie sich das Publikum der Lesereihe der Buchhandlung Gottschalk an, das größtenteils – genau wie sie selbst – damals dazu gehörte. Und das sich freute über die vielen musikalischen Erinnerungen in den Lesepausen zwischen einzelnen Kapiteln, als 70er-Jahre-Hits wie „House of the rising sun“ oder „Bridge over troubled Water“ erklangen. Letzteres sei übrigens das Lieblingslied von Sonja Engels gewesen, die ebenso erfunden ist wie ihre Position als Krankenschwester mit Logopädieausbildung. Aber sie kommt dem wiedergewählten Willy Brandt besonders nahe, als der sich am Tag nach der Wahl einer lange aufgeschobenen Stimmband-OP unterziehen musste und zwei Wochen nicht reden durfte. An diesem Punkt trifft Fiktion wieder auf historische Wahrheit, die übrigens der Grund dafür gewesen sei, dass Wehner und Schmidt die Koalitionsverhandlungen auf SPD-Seite führten. Brandt, der bei unzähligen Wahlkampfauftritten seine Stimme endgültig ruiniert hatte, war zum Schweigen verurteilt.

Brigitte Glaser erklärte Hintergründe, verriet aber nie zu viel über die angelesenen Kapitel. Schließlich wollte sie ja Lust auf Selberlesen machen.