Leverkusen: Botschaften von sprechenden Wänden

Leverkusen: Botschaften von sprechenden Wänden

Das Museum Morsbroich zeigt Werke des 2013 verstorbenen türkisch-amerikanischen Künstlers Burhan Doançay im Dachgeschoss.

Zu Fuß durchstreifte Burhan Doançay im Laufe seines Lebens über 140 Städte in aller Herren Länder. Mit Skizzenblock und Kamera war er "auf der Jagd" nach nicht mehr ganz intakten Plakatwänden, die manches über einen Ort und dessen Bevölkerung aussagen. Er fotografierte den jeweiligen Zustand, der schon am nächsten Tag ganz anders aussehen kann. Entweder weil Menschen noch mehr von der zerrissenen Oberfläche herunter gerissen, Nachrichten oder politische Slogans darauf geschrieben haben oder weil sie mit frischen Postern überklebt wird. Der Künstler machte sich Notizen und packte ausgewählte Teile ein, um sie später in eigenen künstlerischen Arbeiten weiter zu verwerten und in einen neuen Kontext zu bringen zu neuen "Zeichen an der Wand". So lautet die Ausstellung mit Arbeiten des türkisch-amerikanischen Künstlers, die am Sonntag in der Grafiketage von Schloss Morsbroich eröffnet wird.

Anlass für diese Präsentation waren drei Schenkungen, erklärt Fritz Emslander, zuständig für die Grafikabteilung und derzeit kommissarischer Museumsleiter. Aus Privatbesitz und von der Doançay Foundation in Istanbul kamen die Papierarbeiten und Gemälde in die Sammlung Morsbroich, die mit Wolf Vostell das passende Pendant besitzt.

  • Leverkusen : Spurenlesen im Museum Morsbroich

Es gibt eine Seelenverwandtschaft zwischen ihm und Burhan Doançay, der sich selbst immer als Autodidakten bezeichnete, der aus dem diplomatischen Dienst ausschied, um sich ganz der Kunst zu widmen. Sein Schlüsselerlebnis war 1963 die Entdeckung einer zerrissenen und bemalten Plakatwand in seiner neuen Heimat New York. Es sei das schönste abstrakte Gemälde, das er je gesehen habe, beschrieb er dieses Aha-Erlebnis, das seine künftige künstlerische Laufbahn bestimmte. Und zwar auf unterschiedliche Weise und in vielen Werkgruppen, von denen mehrere im Schloss gezeigt und erklärt werden. Da sind die großen Abzüge von Fotografien vorgefundener Wände, von denen er bewusst Ausschnitte wählte.

Es war andererseits die reine Faszination von Form und Farbe, die er zum Anlass für eigene Gouachen nahm, gerne mit Brandspuren versehen. Mit Hilfe dieser "Fumage" arbeitete er Schatten und eine dreidimensionale Wirkung heraus. In anderen Reihen verwendete Burhan Doançay die originalen sichergestellten Plakatschnipsel in der Kombination mit Malerei. Seine bevorzugten Themen waren Film und politische Äußerungen. Und immer wieder hielt er die Warnung "Post no Bill" (in diversen Sprachen) fest. Ein Verbot, das die Menschen offenbar weniger abschreckt als dazu herausfordert, etwas aufzukleben oder eigene Nachrichten auf die Wand zu schreiben, die andere Passanten dann kommentierten oder übermalten, fast wie bei Facebook. Als eine frühe Form von sozialem Netzwerk hat Doançay diese urban walls offenbar auch empfunden.

(mkl)
Mehr von RP ONLINE