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Bombenangriff auf Opladen vor 75 Jahren

Bombenangriff vor 75 Jahren : 234 Tote am „Tag der unschuldigen Kinder“

Vor 75 Jahren, am 28. Dezember 1944, starteten alliierte Bomberflotten einen verheerenden Angriff auf Opladen und das Ausbesserungswerk.

„Ein Geschrei ist in Rama zu hören, bitteres Klagen und Weinen. Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, um ihre Kinder, denn sie sind dahin.“ Jeremia 31,15.

Den „Tag der unschuldigen Kinder“ begehen Katholiken am 28. Dezember.  An diesem Tag gedenkt die Kirche jener Kinder, die wegen der Machtgier des Königs Herodes kurz nach Christi Geburt ihr Leben lassen mussten. 1944 sollte der Tag eine neue und nicht minder tödliche Bedeutung erhalten. „Der Tag der unschuldigen Kinder, der 28. Dezember 1944, hat sich für immer in die Geschichte der Pfarrei  St. Remigius eingezeichnet mit dem Greuel der Verwüstung, die er in wenigen Minuten geschaffen.“ Diesen Text notiert der Opladener Pfarrer Mülfahrt am 18. Januar 1945 in einen „Brief an  meine Mitarbeiter bei der Wehrmacht“, in der er über die Zerstörung „unserer lieben Pfarrkirche“ berichtet. „Nur“ zwölf Mitglieder der Pfarrei seien an dem Tag zu Tode gekommen, in der Nachbargemeinde Quettingen seien es erheblich mehr gewesen.

Vor 75 Jahren ging über Opladen bei einem Fliegerangriff der Alliierten ein Bombenregen nieder, der ein Bild der Zerstörung zurückließ und 234 Menschen das Leben kostete, 274 wurden verletzt. Der verheerende Angriff galt selbstverständlich nicht der Pfarrkirche, sondern der „Eisenbahnstadt“, genauer dem nur unweit der Kirche gelegenen, kriegswichtigen Ausbesserungswerk. „Die Schäden waren nicht zuletzt deswegen so beträchtlich, weil die deutsche Luftabwehr in dieser Phase des Krieges kaum noch nennenswerte Gegenwehr zu leisten vermochte“, schreibt der Leichlinger Eisenbahnhistoriker Kurt Kaiß („Zwischenhalt – Der Bahnhof   Opladen im Wandel der Zeit“). Nur wenige deutsche Nachtjäger hätten sich am Himmel gezeigt, die Flakabwehr sei schwach gewesen. Nicht von ungefähr war der Blutzoll der Angreifer gering. Nur zwei alliierte Maschinen  seien abgeschossen worden, berichtet Kaiß.

Neben den Bahnanlagen wurden die Fußgängerbrücke und zahlreiche Wohnhäuser in der Opladener Neustadt beschädigt. Foto: Kurt Kaiß

Wie die Opladener damals den Angriff erlebten, das hat die frühere Quettinger Lehrerin und kürzlich verstorbene Autorin Karin Hastenrath eindrucksvoll dokumentiert. Für ihr Buch „Bomben über Opladen“ hat sie vornehmlich in den 80er Jahren über 50 Zeitzeugenberichte zusammengetragen. Aus aktuellem Anlass hat der Leverkusener Arbeitskreis Literatur das Buch neu aufgelegt (siehe Info). Darin berichtet etwa der damals 16-jährige Rudi Schörmann, wie in der Bombennacht kurz nach Weihnachten  die ersten „Christbäume“ am Himmel auftauchten. Das waren phosphorhaltige Leuchtkörper in Dreiecksform, die das Angriffziel für die nachfolgenden Bomber erleuchteten. Das dreimalige Aufheulen der Sirenen signalisierte „Akute Luftgefahr“. Schörmann, Geburtsjahrgang 1928, hatte einen Einberufungsbefehl für genau diesen Tag erhalten und war in der morgendlichen Dunkelheit aus Reusrath kommend mit zwei Schulkollegen auf dem Weg zum Ausbildungslager in Wermelskirchen. Die drei Jungen hatten soeben den Bahnhof erreicht,  als über Opladen „die Hölle losbrach“. „Wir liefen um unser Leben“, berichtet Schörmann. Die Jungs erreichten eine Bahnunterführung und suchten dort Schutz. „Einige Frauen schrien vor Angst, andere weinten. In diesem Chaos begann ein Mann mit lauter Stimme das ,Vater unser’ zu beten. Alle beteten mit.“

Spuren des Luftangriffs vor 75 Jahren:  Auch die Wagenhalle im Bereich der Polsterei wurde erheblich beschädigt. Foto: Kurt Kaiß

Das Haus von Sophie Seitz und ihrer Tochter Helga Matzerath an der Torstraße wurde bei dem Angriff zerstört. Die Tochter erinnert sich: „Eins werde ich nie vergessen: Diesen Blick, als wir die Stufen aus dem Bunker hochkamen. Da fielen die ersten Schneeflocken. Die Blechfabrik Schmitz hat gebrannt, die evangelische Schule hat gebrannt, im Werk hat es gebrannt. ... Wir haben gar nicht wahrgenommen, wie schlimm es war. Mir sind erst die Schneeflocken aufgefallen, die in die brennenden Häuser fielen, und dann habe ich erst bemerkt, dass unser Haus nicht mehr da war.“  

Auch das Bahnhofsgelände wurde stark im Mitleidenschaft gezogen. Foto: Kurt Kaiß

Der damals 24-jährige Manfred Pfeffer erlebte den Angriff als Rettungssanitäter in einem Lazarettzug, der kurz vor Beginn des Angriffs in Opladen eingefahren war: „Unser Chefarzt drängte mich, den Zug zu verlassen, in letzter Sekunde. Wir hatten damals noch Zeit, uns hinter einem Schuppen in Sicherheit zu bringen. Dort wurde ich von einem Betonklotz an der rechten Schulter getroffen. Ich konnte den Arm nicht mehr bewegen. Der Chef meinte: ,Glück gehabt!’“

Acht Kameraden hatten weniger Glück. Sie überlebten den Angriff nicht und wurden in Opladen auf dem Ehrenfriedhof beerdigt.