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Bockflöten-Virtuosin Dorothee Oberlinger begeistert in Leverkusen

Dorothe Oberlinger im Leverkusener Forum : Absolut elektrisierende Spielfreude an der Flöte

Die Bockflöten-Virtuosin Dorothee Oberlinger im Dialog mit Steinzeitflöten aus Flügelknochen des Gänsegeiers: Mit dem Orchester l’arte del mondo kreierte sie eine Reise durch die Geschichte ihres Instruments und faszinierte mit ihrer überbordenden Spielfreude.

Das war kein Auftakt mit Paukenschlag. Aus dem Nichts kam die Musik von Hildegard von Bingen, deren Anfang nur zu ahnen war. Wie dieses erste Leverkusener Konzert von l’arte del mondo nach dem Corona-Lockdown begann, ging es auch zu Ende, als man den letzten Klangwolken nachspürte bis die  – derzeit besonders wichtige  – Lüftung die Musik übertönte. Dazwischen erlebten die wenigen Zuhörer von Kulturstadtlev im Forum-Saal ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Konzert.

Als klingende Geschichte der Flöte von der Steinzeit bis heute war „Ethernal Breath“ angekündigt worden. Wer eine chronologisch sortierte Kompositionsfolge entlang einer klaren Zeitschiene erwartet hatte, der kennt den Ensemble-Leiter und Geiger Werner Ehrhardt schlecht. Alles hat mit allem zu tun. Diese Grundeinsicht hat er schon in vielen Konzertprogrammen vermittelt, nicht didaktisch und lange moderiert, sondern ganz praktisch.

Bei ihm und seinem kleinen, erlesenen Orchester spielt die Musik schlichtweg immer die erste Geige. Und dann merken die Zuhörer schon, dass eine Sonate aus dem Frühbarock von Dario Castello kein unüberbrückbarer Gegensatz zum nagelneuen Werk „Spiralia“ des im Saal sitzenden Komponisten Willy Merz ist. Ehrhardt ließ den Atem der Orchestermusik einfach weiterlaufen und nur die Tonalität von Alter Musik zur Moderne changieren.

Und in diese Uraufführung, die eigentlich bei den abgesagten Ludwigsburger Musikfestspielen im Sommer hätte stattfinden sollen, setzten schließlich drei Flöten ein. Dorothee Oberlinger, deren außergewöhnliches Blockflötenspiel dem Publikum von KSL durch hinreißende Auftritte im Schloss Morsbroich in Erinnerung ist, schafft es nämlich auch, zwei Instrumente aus ihrer mitgebrachten Sammlung gleichzeitig zu blasen. Jedenfalls wenn sie nicht gerade eine ihrer hochvirtuosen Passagen zu meistern hat. Die kleinere und zarter klingende Flöte, die ihre Kollegin Anna Friederike Potengowski dazu spielte, ist die Urahne der modernen Blasrohre. Jedenfalls ein Nachbau, wie die auf Instrumente aus der Steinzeit spezialisierte Musikerin kurz erklärte.

Während der Eiszeit vor 35.000 Jahren wurden sie von Menschen in Höhlen der Schwäbischen Alb oder den französischen Pyrenäen  – dort hat man bei Ausgrabungen Flöten gefunden – aus Flügelknochen des Gänsegeiers und Singschwans geschnitzt und gespielt.

Welche Melodien damals erklangen, versuchte die Musikforscherin in einer eigenen Komposition nachzuempfinden, die vor allem Naturgeräusche wie Vogelstimmen nachahmte und überging in Antonio Vivaldis Konzerte für Blockflöte, Streicher und Basso Continuo (Il Gardellino und La Notte), die wiederum neue Musik des beteiligten Percussionisten Georg Wieland Wagner und den „Dream“ von John Cage in ihre Mitte nahmen.

Jene überbordende, elektrisierende Spielfreude einerseits und andererseits höchste Sensibilität in den zurückgenommenen Passagen verband das Ensemble l’arte del mondo und die drei ausgezeichneten Gastmusiker.