Leverkusen: Bewegender Lesestoff: "Mama, erzähl mir vom Krieg"

Leverkusen: Bewegender Lesestoff: "Mama, erzähl mir vom Krieg"

Als Kind kannte er nur einen Schlüsselsatz, um ihre Nähe zu gewinnen: "Mama, erzähl mir vom Krieg." So lautet auch der Buchtitel des Werkes von Arie Ben Schick, das der Mabuse-Verlag in der letzten Märzwoche herausbringt. Der Autor aus Opladen, der auch einige Bücher unter seinem richtigen Namen veröffentlicht hat, benutzte ein Pseudonym. Er entschied sich dazu, um seine Familie zu schützen, erklärt er. Immerhin erzählt er in diesem Buch keineswegs nur jene Geschichten nach, die für ihn heute die Haupterinnerung an seine Mutter ausmachen, und die ihn offenbar nachhaltig geprägt haben.

Sondern es ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Schick beschreibt seinen psychischen Zusammenbruch und den persönlichen Weg der Genesung. "Traumabildung in der Nachkriegsgeneration" lautet darum der Untertitel. Dort macht der Autor die wirkliche Ursache seiner plötzlich ausgebrochenen Angststörung aus. Die Erzählungen von Krieg, Vertreibung und Flucht vor den Russen hat er als Kind so oft gehört, so plastisch geschildert von einer depressiven Mutter, dass sich Bilder in seinem Kopf festsetzten, als sei er selbst am Handkarren mitgelaufen im Flüchtlingstreck.

Inzwischen hat er gemerkt, dass er damit keineswegs alleine ist, dass es in Deutschland Gruppen gibt, die sich als "Enkel des Krieges" vernetzt haben, um die persönlichen Geschichten der Geschichte wachzuhalten und zu begreifen, was ihre Vorfahren durchgemacht haben. Nicht unbedingt aus therapeutischen Gründen, wie es bei Schick der Fall war. So beginnt er das Buch mit einer Zusammenfassung der deutschen Geschichte vor 1945, in die er die persönlichen Erlebnisse seiner Familie einordnet. Ausgelöst durch den Tod seiner 23 Jahre älteren Schwester, die zwei Jahre vor Kriegsende noch in Pommern geboren war, wurde die Erinnerung an die Mutter lebendig. Und es waren vorwiegend deren Erzählungen von den Grausamen Erlebnissen im Krieg, die sie auf diese Weise offenbar selbst zu verarbeiten suchte. Die einen kleinen Jungen aber überforderten und viel später, 2012 im Todesjahr der Schwester, regelrechte Angst-Attacken bei ihm auslösten. Damit habe seine schwerste Zeit begonnen, erzählt Schick. Er suchte psychologische Beratung. Dabei wurde klar, dass seine Depression tiefer geht als die Trauer um die Schwester. Erst mit Hilfe eines Psychiaters und zeitweiser Einnahme von Antidepressiva habe er den Weg zurück ins Leben gefunden. Unterstützt haben ihn seine Frau und die Kinder, so dass er heute wieder Lebensfreude empfinden kann.

In seinem Buch lässt Arie Ben Schick den Leser teilhaben an seinen psychischen Belastungen und Auseinandersetzungen im Verlauf der Analyse. Es ist kein Fachbuch, enthält aber eine Literaturliste mit tiefergehenden Abhandlungen. Seine Zielgruppe seien Menschen einer Generation, die in Frieden und Wohlstand aufgewachsen sind. Und die sich bewusst machen, wie schlimm die Auswirkungen von Krieg, Flucht und Gewalt tatsächlich sind. Und zwar nicht nur für jene, die es selbst erlebt haben, sondern auch für deren Kinder und Kindeskinder. Er denke auch an ältere Schüler, sagt Schick. Kürzlich hat er ein Netzwerk gegründet und bereits Anfragen für Lesungen erhalten.

Arie Ben Schick "Mama, erzähl mir vom Krieg", 169 Seiten, Mabuse-Verlag, 16,95 Euro. www.mabuse-verlag.de

(RP)