Besuch im Industriemuseum Freudenthaler Sensenhammer in Leverkusen

Besuch im Sensenhammer : Wo die Hämmer heute noch dröhnen

Im Museum „Freudenthaler Sensenhammer“ wird das Wissen um die alte Schmiedekunst sorgfältig bewahrt – zum Beispiel von Siegfried Seiler.

Die Hämmer dröhnen, der Boden erzittert. Die alte Schmiedehalle ist zum Leben erwacht, seit das rhythmische Stampfen der Schmiedehämmer erklingt und der Schmied seine schwere Arbeit an der Feuerstelle verrichtet. Funken sprühen grell gleißend zu allen Seiten, sobald Siegfried Seiler den rotglühenden Stahl im Feuer erhitzt.

Als nächstes treibt er den Rohling mit Hilfe der wuchtigen Hammerschläge in die Länge, bringt ihn also in Form. Allmählich verwandelt sich der Stab in eine breite Klinge, schließlich in eine Sichel. Sieben Schritte liegen zwischen dem Rohmaterial Stahl und einer fertigen Sense. Zum Schluss fehlt nur noch der Holzgriff.

Die Arbeit, die Seiler in rund 40 Jahren seines Berufslebens verrichtete, war alles andere als leicht. Schließlich wurde er nach Leistung bezahlt, als er zwischen 1958 und 1987 und zuletzt als Schmiedemeister in der einstigen Kuhlmannschen Sensenfabrik tätig war. Schon längst ist aus der Fabrik das Industriemuseum „Freudenthaler Sensenhammer“ geworden. Doch der 76-Jährige ist dort noch immer aktiv und demonstriert vor Besuchern die hohe Kunst seines Handwerks. Zugleich gibt er  – um überlieferte Qualifikationen zu erhalten  – seine Kenntnisse und Erfahrungen an Interessierte weiter.

Man schrieb das Jahr 1778 – es war die Epoche der Aufklärung  –, da erhielt der Mülheimer Kaufmann Derick van Hees die Erlaubnis, „bei dem Dorf Schlebusch einen Reckhammer zu errichten“, steht in den Annalen des Museums. Neben zwei Wohnhäusern, einer Scheune und einem Pferdestall entstanden das Hammergebäude, eine kleine Schmiede aus Bruchstein, Lehm, Sand und Holz sowie ein Schleiferei-Gebäude. Das nahe gelegene Wasser diente als Antriebsenergie und erlaubte die Nutzung von Wasserrädern. Mit Hilfe der Rohstoffe Stahl und Kohle konnten schon bald so genannte Rohstahlknüppel produziert werden, die wiederum im Kleineisengewerbe des Bergischen Landes weiterverarbeitet wurden.

Im Gebäude des heutigen Industriemuseums war früher die letzte rheinische Sensenfabrik untergebracht. Foto: Matzerath, Ralph

Genau 37 Jahre später ließ der neue Besitzer, der Sensenfabrikant Caspar Lange aus Hagen, ein zweites Hammergebäude sowie eine Frucht- und Ölmühle errichten. 1837 übernahmen Heinrich Peter Kuhlmann und Sohn Franz Carl den Betrieb im Schlebuscher „Freudenthal“. Schritt für Schritt erweiterten sie die Anlage und bauten die Produktion auf elf Schmiedehämmer aus. Bald nachdem erst Köln dann Schlebusch ans Netz der Eisenbahn respektive der Kleinbahn angeschlossen waren, nahmen Kuhlmann und Sohn die Gleise für ihre Transporte in Anspruch.

Sensen und Sicheln aus dem Hause Kuhlmann genossen bald darauf einen guten Ruf im Land. Erst in den 1960er Jahren – inzwischen hatten Heinrich Kuhlmann III. und sein Schwager Hans Schäperclaus die Geschäftsführung der Sensenfabrik H. P. Kuhlmann Söhne übernommen – trat sukzessive Öl an die Stelle der alten Kohleöfen. Die fünfte Turbinengeneration, eine Vertikalturbine mit Winkelgetriebe und Drehstromgenerator, nahm ab 1967 für weitere 20 Jahre bis zum endgültigen Ende die Tätigkeit auf.

Früher wurden in der Fabrik Sensen hergestellt. Foto: Susanne Genath (sug)/Genath, Susanne (sug)

Zum Glück für die Nachwelt wurden die Weichen beim ältesten Leverkusener Industriebetrieb neu gestellt und der Freudenthaler Sensenhammer zu einem Pilotprojekt der Europäischen Gemeinschaft zur Erhaltung frühindustrieller Baudenkmäler erklärt. Mit Hilfe der NRW-Stiftung erwarb der 1991 gegründete „Förderverein Freudenthaler Sensenhammer“ die Immobilie, übernahm die zwölfjährige Sanierung der Gebäude und investierte – ohne Anrechnung von ehrenamtlichen Leistungen – insgesamt 3,5 Millionen Euro.

Seit Eröffnung im Frühjahr 2005 ist  – mit Unterstützung der Hauptsponsoren Nordrhein-Westfalen-Stiftung, Landschaftsverband Rheinland und Kulturstiftung der Rheinischen Sparkassen – aus der letzten rheinischen Sensenfabrik ein lebendiges Industriemuseum mit Schmiedevorführungen für Jung und Alt sowie zahlreichen Konzerten, Theaterabenden und Kunstausstellungen geworden.

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