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Berührende Lesung zu den jüdischen Kulturtagen

Jüdische Kulturtage : Wie aus Freunden Feinde werden

Zu den Jüdischen Kulturtagen liefern Kabarettisten eine berührende Lesung.

Anfangs ist der Grundton ihrer Konversation heiter, unbeschwert und liebevoll, wie es eben zwischen zwei gut befreundeten Geschäftspartnern angemessen erscheint. Vielleicht hätte das für immer so bleiben können, wäre Martin nicht mit Frau und Kindern von Amerika zurück in die deutsche Heimat gezogen, um von nun an den gemeinsamen Kunsthandel von München aus zu führen. Vielleicht hätte auch seine Freundschaft mit dem Juden Max Eisenstein keinen Schaden genommen, wenn das nicht ausgerechnet 1932 geschehen wäre, als sich bereits die Machtübernahme der Nazis abzeichnete.

Diese Korrespondenz zwischen den beiden ist zwar fiktiv, aber der Fund eines ähnlichen Austauschs war die Initialzündung für den Briefroman „Empfänger unbekannt“, den Kathrine Kressman Taylor 1938 veröffentlichte. Michael Meierjohann und Wolfgang Müller-Schlesinger vom Kammertheater Rheinland stellten die Theaterproduktion als Szenische Lesung in der Aula des Lise-Meitner-Gymnasiums als Beteiligung an den Jüdischen Kulturtagen vor.

Harter Tobak für zwei stadtbekannte Kabarettisten und für Schüler der Stufen neun und Q2, die nah am Thema sind, weil bei ihnen aktuell Nationalsozialismus auf dem Lehrplan steht. Und viel mehr als im Unterricht, wo es zumeist mehr um Zahlen, Daten, Fakten der Historie geht, machten die beiden Schauspieler auf eindringliche Weise die menschlichen Verführungen, Sorgen und Ängste nach der Machtübernahme deutlich, ohne die Moralkeule zu schwingen oder sich selbst über die Generation zu erheben.

Als Wolfgang Müller-Schlesinger im anschließenden Publikumsgespräch gefragt wurde, ob es nicht schwer gefallen sei, in die Rolle des Nazis Martin zu schlüpfen, stellte er es noch einmal klar. Natürlich hat er sich intensiv mit der Figur beschäftigt und auch mit der Frage, wie er möglicherweise gehandelt hätte. Denn die Verlockungen waren für den jungen und erfolgreichen Kunsthändler, der in München als amerikanischer Millionär galt, groß. Er genoss die Achtung der NSDAP-Größen, deren Ansichten er ja ein Stückweit teilte, und die Vorteile, die ihm der Kontakt brachte. Kein Täter war er, sondern ein Mitläufer, der wie so viele in erster Linie auf seinen eigenen Vorteil bedacht war.

Martin distanzierte sich zunehmend von seinem alten Freund Max, verachtete das jüdische Volk, weil es nur lamentiere, aber nie zurückschlage, und stellte fest: Du bist ein amerikanischer Liberaler, ich ein deutscher Patriot. Als Martin der Schwester von Max aus Angst den Schutz versagt und sie direkt in die Arme der Gestapo laufen lässt, wendet sich das Blatt. Max schlägt zurück, indem er kryptische Briefe mit rätselhaften Zahlen und Angaben schreibt, die nun Martin in Bedrängnis und unter Verdacht geraten lassen.

Ein dumpfer Schuss deutet das unwiderrufliche Ende einer Freundschaft an, bevor Max seinen letzten Brief zurückbekommt mit dem Vermerk: Empfänger unbekannt.

Heute, 4. April, findet eine weitere Vorstellung in der Realschule statt.