Leverkusen: Bayer-Kunstraub: Die Kölner Polizei patzt

Leverkusen : Bayer-Kunstraub: Die Kölner Polizei patzt

Seite Mitte Januar wurden drei große Bronzeplastiken aus dem CD-Park gestohlen. Darunter zwei Werke des bedeutenden Bildhauers Klimsch.

Ungewöhnliche "Spaziergänger" gestern Nachmittag im Carl-Duisberg-Park: Mitarbeiter der Spurensicherung durchkämmten das Gelände, um den Raub von drei Bronzeplastiken weiter aufzuklären. Bemerkenswert: Der letzte der beiden Diebstähle lag gestern schon vier Tage zurück.

"Die Spurensicherung ist bisher versäumt worden", räumte ein Polizeisprecher gestern ein. Woran das gelegen habe, werde gerade "intern aufgearbeitet". Es ist das zweite Mal, innerhalb weniger Wochen, dass es bei der Kölner Polizei Probleme mit der Pünktlichkeit der Spurensicherung gibt. Bei einem Einbruch in ein Haus in Bürrig im Dezember hatte es ebenfalls etliche Tage gedauert, bis die Spurensicherung auftauchte — wegen "interner Kommunikationsprobleme", begründete die Polizei später.

Bayer ließ die Überreste der Skulpturen gestern entfernen. Vorerst werden sie an einem sicheren Ort "aufbewahrt", gab Bayer-Sprecher Roland Ellmann an, falls die Skulpturen doch wieder auftauchen sollten. Die Polizei ermittelt wegen "eines schweren Falls von Diebstahl", sagte der Polizeisprecher weiter.

Gestern Morgen fanden sich in der Nähe der Plastiken noch mögliche Spuren der Täter beziehungsweise ihrer Tatwerkzeuge, unter anderem lagen dort Teile eines Sägeblatts und eine Schraube, die von der Tatsäge stammen könnten.

Aber der Reihe nach: Die "Kleine Schauende" ist nicht mal einen halben Meter hoch. Als sie im vergangenen Jahr in einem Münchner Auktionshaus versteigert wurde, brachte die Skulptur von Fritz Klimsch 15 000 Euro ein, 5000 Euro mehr als der Schätzwert. Im Chempark steht die große Schwester dieser Skulptur: "Die Schauende" — ebenfalls ein Werk des deutschen Bildhauers, der 1960 starb. Eine Arbeit, die in ihren Ausmaßen viel größer ist und geschätzt einen wesentlich höheren Kunstwert hat als die kleine Namensschwester. Die große Schauende steht im Chempark in einem umzäunten Areal.

Dort, wo es im Chempark keine Zäune gibt, im Carl-Duisberg-Park, wurden seit Mitte Januar drei große Bronzeskulpturen gestohlen — "die Hirsche" am 18. Januar, "die Tatkraft" und "die Jägerinnen" am vergangenen Sonntag. Die Täter gingen mit dem Kulturgut nicht eben zimperlich um. Per Säge wurden die Hirsche oberhalb der zierlichen Hufe abgetrennt. Von den Jägerinnen sind ebenfalls nur noch zwei Füße auf dem Sockel übrig. Auf einem der Füße liegt wohl roter Staub und erinnert an Blut. Neben einem anderen ist auf dem Sockel noch die Künstlersignatur "Klimsch" zu lesen. Das heißt war, denn Bayer ließ die Überreste gestern abräumen und sicherstellen.

Der Leverkusener Bildhauer Kurt Arentz schimpfte: "Eine einsame Sauerei ist das." "Schlimm." "Wenn jetzt schon angefangen wird, Kulturgut zu klauen", empörte sich der Künstler, der selbst mit Bronze arbeitet. Er schätzte den Kunstwert der drei gestohlenen Statuen auf insgesamt "bestimmt 900 000 bis eine Million Euro, wenn sie versteigert würden".

Was sie vor allem so wertvoll mache, "ist der Name Klimsch. Er war einer der führenden Bildhauer in den 20er und 30er Jahren. Bei Versteigerungen von Klimsch-Werken werden ausgesprochen hohe Preise erzielt. Darüber habe ich mich gerade noch mit einem Klimsch-Sammler unterhalten", berichtete Arentz.

Die Fertigstellung der "Jägerinnen", die am Wochenende gestohlen wurde, lag noch vor dieser Zeit: "Die Skulptur ist um die 100 Jahre alt, vielleicht noch älter. Hans Duisberg schenkte sie 1913 Carl Duisberg zu dessen Silberhochzeit", erzählte Roland Ellmann. "Damals hat sie 30 000 Reichsmark gekostet." Der Bayer-Konzern denkt für die noch übrigen Figuren "über verschiedene Optionen zum Thema Sicherheit" nach, verlauten lassen mochte der Konzern dazu gestern nichts. Einen Finderlohn hat der Konzern noch nicht ausgesetzt.

"Ich bin verwundert darüber, dass Bayer keine Prämie aussetzt", merkte Arentz an. Das Gefühl, wenn die eigene Kunst gestohlen wird, kennt der Leverkusener. Vor Jahren kamen von ihm gefertigten Bronzeschweine in Bürrig weg, tauchten aber später wieder auf. Dass das auch im Bayer-Fall geschehen könnte, daran hat Arentz Zweifel. "Vielleicht sind sie schon eingeschmolzen, um die Bronze zu verkaufen, oder auf dem Weg ins Ausland", mutmaßte er.

Ihn besorgt die Entwicklung im Carl-Duisberg-Park auch aus einem anderen Grund: "Ich habe berechtigte Ängste, dass immer mehr Kunst im öffentlichen Raum gestohlen wird", sagte Kurt Arentz. Auch einige Skulpturen von ihm stehen öffentlich auf Leverkusener Stadtgebiet. "Neulich habe ich gehört, dass Diebe sogar irgendwo an einer Kirche zuerst die Kupfer-Dachrinnen und dann die Kirchenglocke gestohlen haben."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Wertvolle Skulpturen aus Carl-Duisberg-Park geklaut

(RP/rl/jco/top)
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