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Ausblick 2020 mit Geschäftsführer der Unternehmerverbände Rhein-Wupper

Unternehmerverbände Rhein-Wupper : „Die Staus sind mehr als ein Ärgernis“

Andreas Tressin, Geschäftsführer Unternehmerverbände Rhein-Wupper, sieht Regierung und Politik in der Pflicht, um Firmenabwanderungen ins Ausland zu verhindern.

Wie sieht Ihr „unternehmerischer“ Rückblick für 2019 aus?

Tressin Waren viele noch zum Jahreswechsel 2018/2019 im Hochgefühl eines zehnjährigen Aufschwungs, der kein Ende zu nehmen schien, hat sich die Stimmung in der Wirtschaft im Laufe des Jahres immer weiter eingetrübt: Es stotterte vor allem der Industriemotor 2019 doch sehr bedenklich. So hatten unsere Betriebe in der Metall- und Elektrobranche vor allem im Automotivebereich Auftragsrückgänge um die zehn Prozent zu beklagen, vereinzelt sogar bis zu 15 Prozent. Insgesamt scheinen die Firmen in 2019 aber noch so gerade mit einem blauen Auge davonzukommen, obwohl die Bilanzen noch nicht geschrieben sind. Schon jetzt aber zeichnet sich ab, dass die Gewinne in den Keller gerutscht sind. Einige wären in diesem Jahr schon mit einer schwarzroten Null zufrieden.

Was hat die Firmen umgetrieben mit Blick auf arbeitsrechtliche Gesetzesänderungen und tarifliche Regelungen?

Rechtsanwalt Andreas Tressin. Foto: Unternehmerverbände

Tressin Die Beratungspraxis hat gezeigt, dass sich alle Regelungen zum neuen Arbeitszeitregime, ob nun gesetzlicher oder tariflicher Art (etwa befristet verkürzte Arbeitszeit und „8 freie Tage im Jahr statt tariflichen Zusatzgeldes“) als praxisuntauglich erweisen. Der betriebliche Organisations- und auch Kommunikationsaufwand ist einfach zu groß: Es nicht möglich, allen Partikularinteressen der Arbeitnehmer Rechnung zu tragen und gleichzeitig die Produktion flexibel und damit produktiv aufrecht zu erhalten. In Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels sind in den kleineren und mittleren Betrieben die Regelungen schlichtweg nicht umsetzbar.

Die Wirtschaft scheint auf eine Rezession zuzusteuern. Wie ist die Stimmung bei Firmen in Leverkusen?

Tressin Aktuell blicken die Unternehmen in der Region pessimistisch auf das kommende Geschäftsjahr. Fast ein Drittel der Firmen rechnen in 2020 mit einem Rückgang der Auftragseingänge; nur ein Viertel erwartet einen Produktionszuwachs. Auch die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage in der Metall- und Elektroindustrie gibt keinen Anlass zur Entwarnung. Produktion und Auftragseingänge liegen nach wie vor im Minus. Aus diesem Grunde wären viele schon zufrieden, wenn man die Auftragsniveaus aus dem Jahr 2019 halten könnte. Insgesamt ist es derzeit sehr schwer, valide Prognosen zu geben. Vieles bleibt ein Blick in die Glaskugel. Stichworte sind Digitalisierung, Transformation, E-Mobilität und die Handelsbarrieren. Alle stellen sich derzeit die Frage: Was ist davon mit Blick auf das eigene Geschäftsmodell „Konjunktur“ und was „Struktur“? Richtig ist, dass von allen vorgenannten Punkten jeder betroffen sein wird.

Die Fertigstellung der Rheinbrücke verzögert sich. Die Infrastruktur in Leverkusen hat Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Tressin Die permanenten Staus sind mehr als ein Ärgernis, vor allem für unsere Industriebetriebe, die „Just-in-Time“ liefern müssen und mehr denn je auf Pünktlichkeit und störungsfreie Lieferketten angewiesen sind. Jede Verzögerung kostet Geld. So liegen aktuell die Arbeitskosten pro Arbeitnehmer bei durchschnittlich 35,00 Euro je Arbeitsstunde, die natürlich im Stau nicht gegenfinanziert werden können.

Das Investitionsverhalten soll rückläufig sein, stimmt das? Haben Firmen geäußert, den Standort Leverkusen aufzugeben?

Tressin In der Tat, bei den Investitionen zeigen sich die Unternehmen im Moment eher zurückhaltend. Schuld daran ist nicht allein die Weltwirtschaft oder die Herausforderungen aus der Digitalisierung, erst recht nicht die Standortbedingungen hier in Leverkusen, sondern in erster Linie die steigenden Arbeitskosten und Energiekosten am Standort Deutschland. Darüber hinaus haben wir mit einer Unternehmersteuerlast von über 30 Prozent eine zu hohe Steuerquote im Vergleich zum Durchschnitt der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) mit 25 Prozent. Dies ist im internationalen Wettbewerb ein unhaltbarer Zustand. Allein die EEG-Umlage (mit ihr wird der Ausbau Erneuerbarer Energien finanziert) ist mittlerweile in Deutschland so hoch wie der gesamte Strompreis in den USA. Und auch die Regelungen am Arbeitsmarkt und die bürokratische Genehmigungsverfahren sind mehr als nur ein Ärgernis. Die zusätzlich noch zu erwartenden Belastungen aus dem Klimaschutz sind dabei noch gar nicht eingepreist. Es ist deshalb mehr denn je notwendig, dass die Bundesregierung in ihrer zweiten Halbzeit der Legislaturperiode endlich ihren Kurs wechselt – weg von einer Verteilungspolitik hin zu einer investitionsfreundlichen Angebotspolitik. Wenn hier nicht ganz schnell ein Paradigmenwechsel stattfindet, werden die sich im Abwägungsprozess befindlichen Überlegungen zur Verlagerung von Wertschöpfung ins preiswertere Ausland sicherlich in die Tat umgesetzt.

Hat dann Oberbürgermeister Richrath mit der Gewerbesteuersenkung ein richtiges Signal gesetzt?

Tressin Das ist völlig richtig und macht deutlich, dass der OB dem seit Jahren bestehenden Missverhältnis von Be- und Entlastung der Wirtschaft entgegentreten will. Aus meiner Sicht hat er bei diesem Thema auch viel Zivilcourage bewiesen, weil alle wissen, dass die Steuersenkung ordnungspolitisch bei der Bezirksregierung nur schwer zu kommunizieren ist. Letztlich aber kann die Senkung nur ein Baustein für ein positiveres Investitionsklima sein, denn diese kommunale Maßnahme allein wird nicht ausreichen, wenn die nationalen Standortrahmenbedingungen sich nicht ganz deutlich verbessern.

Wenn Sie ein Unternehmen fragt, dass nach einem neuen Standort sucht, können Sie Leverkusen guten Gewissens empfehlen?

Tressin Diese Frage kann ich mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Mein „Stadtmarketing“ lautet dabei immer so: Nicht nur ein traditionsreicher Chemiestandort seit über 125 Jahren, sondern darüber hinaus gibt es auch Kernkompetenzen in den Bereichen Automotive, Gesundheitswirtschaft und industrielle Dienstleistung, einen breit aufgestellten innovativen Mittelstand, hoher Anteil des verarbeitenden Gewerbes mit über 40 Prozent, überdurchschnittlich hohe Produktivität des einzelnen Mitarbeiters mit im Schnitt weit über 65.000 Euro, breites und qualitativ hochwertiges Bildungs- und Ausbildungsangebot, überdurchschnittlich viele Ingenieure. Über Land, Wasser oder per Flugzeug mit zwei internationalen Flughäfen in Köln/Bonn und in Düsseldorf ist Leverkusen gut erreichbar und mit dem Breitbandinternet gut gerüstet für die Digitalisierung.

Was sind die größten Herausforderungen für Leverkusener Unternehmen in 2020?

Tressin Das wird sicherlich die Bewältigung der bestehenden großen Planungsunsicherheit sein und das finden von Antworten auf den stetig wachsenden Preis- und Margendruck in allen Branchen wegen der Konzentration der Märkte. Und „nebenbei“ müssen die Firmen permanent überprüfen, ob ihr Geschäftsmodell in Zeiten der Digitalisierung und Transformation noch international wettbewerbsfähig ist.

Die IG Metall hat für die nächste Tarifrunde Anfang 2020 angekündigt, sie werde sich bei den Lohnforderungen nicht zurückzuhalten. Wie geht die Unternehmerseite in diese Runde?

Tressin Vorweg: Der Flächentarifvertrag steht vor einer großen Bewährungsprobe, denn die Unternehmen haben in den letzten Jahren viel Vertrauen verloren. Der Eindruck hat sich gefestigt, die IG Metall müsste nur einmal kräftig streiken, schon bekommt sie, was sie will. Richtig daran ist, dass die Unternehmen aufgrund der vernetzten Wertschöpfungsketten (Stichwort: Produktion „Just-in-Time“) in ganz hohem Maße erpressbar sind, weil Streiks sehr viel Geld und damit Liquidität kosten. Tatsache ist auch, dass in der M+E-Industrie die Tarifentgelte in den vergangenen Jahren dreimal so stark gestiegen sind, wie die Produktivität. Die Unternehmen sind damit ebenso wie mit dem Beschäftigungsaufbau in Vorleistung gegangen. Das kann so schon deshalb nicht weitergehen, weil die Weltklassenlöhne von aktuell im Schnitt 56.000 Euro im Jahr unsere Unternehmen nicht international wettbewerbsfähig machen.

Das heißt konkret?

Tressin Die Firmen benötigen eine Atempause bei den Entgelten, denn sie brauchen jetzt die finanziellen Möglichkeiten, um die Transformation aus der Digitalisierung weiter voranzutreiben. Der Investitionsstau ist gigantisch, nicht nur bei Forschung und Entwicklung, sondern in allen Bereichen der Wertschöpfungsketten und den Kosten für Fort- und Weiterbildung der Arbeitnehmer. Die zusätzlich zu erwartenden Belastungen zum Klimaschutz sind dabei noch nicht eingepreist. Was wir deshalb dringend brauchen ist ein „Bündnis für Transformation“ bei dem alle Beteiligten, also Unternehmer, Arbeitnehmer, Politik und Sozialpartner ihren Beitrag leisten um Wertschöpfung und so Wohlstand in Deutschland halten zu können.
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Ludmilla Hauser protokollierte.