Art Tonale begeistert in der Remigiuskirche

Art Tonale in der Remigiuskirche : Feiner A-cappella-Gesang und verzweifelte Bitte um Frieden

Der Chor Art Tonale begeisterte die Zuhörer beim Konzert in der Remigiuskirche

Die Trübungen in den Harmonien lassen bereits nichts Gutes ahnen, obwohl die abwechselnden Frauen- und Männerstimmen im „Kyrie“ am Anfang der Missa Brevis von Zoltán Kodaly noch zart auf dem ruhigen Orgelteppich liegt. Mit dem Einsatz der hohen Solo-Sopranen wird das Anliegen deutlich. Ihr Gesang vermittelt nicht jubelnde Engelscharen in himmlischen Höhen, sondern durchaus irdisches Entsetzen und angsterfüllte Schreie, die nicht zum Einkuscheln der Zuhörer gedacht sind, sondern fast körperlich die Situation bei der Entstehung dieser Musik deutlich machen.

Kodaly schrieb diese Messe im Zweiten Weltkrieg während der Dauer-Bombardierung Budapests im Bunker. Das stellte Chorleiter Volker Wierz der Aufführung in der Remigiuskirche voran, um die Besucher entsprechend vorzubereiten. Doch sein Chor Art Tonale, der insbesondere in den solistischen Passagen (von professionellen Sängern aus eigenen Reihen) den Schrecken von Krieg und Zerstörung in die Ohren pflanzte, fing die Zuhörer auch immer wieder ein, nahm sie mit weichen Melodieführungen und behutsam geformten Harmoniewechseln wieder in die Arme.

Hoffnung sprach aus dem versöhnlichen Sanctus und dem anschließenden Benedictus, bevor die Missa mit der verzweifelten und inständigen Bitte um Frieden endete. Mit differenzierter Dynamik und wechselndem Ausdruck beeindruckte das Ensemble, das bei der Kodaly-Messe vom Remigius-Organisten Andrea Filippini aufmerksam begleitet wurde.

Mit drei reinen Orgelstücken hatte er den Sängern im ersten Konzertteil kurze Verschnaufpausen im einen A-cappella-Programm beschert. Mit dem expressiven „Moto Ostinato“ aus dem großen Orgelzyklus von Petr Eben, der im 20. Jahrhundert für Tschechien ähnliche Bedeutung hatte wie Kodaly in seiner Heimat Ungarn, schlug er bereits den Bogen zur Missa Brevis im zweiten Teil.

Besonders klangvoll und melodisch stellte er zwei „Préludes“ über walisische Hymnen von Ralph Vaughan Williams vor. Die Qualität des ausgewogen besetzten Ensembles zeigte sich vor allem in der Königsdisziplin des Chorgesangs: in A-cappella-Stücken für vier bis acht Stimmen aus unterschiedlichen Stilepochen.

Einfühlsam und hellwach agierten die Sänger bei den schnellen Rhythmus- und Charakterwechseln in den Motetten von Heinrich Schütz (Die mit Tränen säen) und aus dem Zyklus „Israelsbrünnlein“ von Johann Hermann Schein (Was betrübst du dich meine Seele).

Mit watteweichem Sound und großen dynamischen Entwicklungen die Stücke der Romantik wie Josef Rheinbergers „Warum toben die Heiden“ oder Felix Mendelssohn Bartholdys „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ mit Gänsehaut-Effekt.

Ein rundum zauberhaftes Konzert, das viel mehr Zuhörer verdient gehabt hätte. Und noch schöner wäre es ohne so viel – zugegeben verdienten – Zwischenapplaus gewesen. Das begeisterte Klatschen zerstörte doch recht barsch die so fein entwickelte Stimmung.