1919 besuchte Winston Churchill das Bayer-Werk

1919 – das erste Jahr nach dem Ersten Weltkrieg : Als Churchill das Bayer-Werk besuchte

Heute kämpft Bayer gegen Klagen und Millionenkosten. Vor 100 Jahren ums blanke Überleben in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

1919 – Deutschland ist nach dem Ersten Weltkrieg im Umbruch vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Und die Stadt Leverkusen ist noch elf Jahre von ihrer Gründung entfernt. Die beeindruckende Bayer-Zentrale steht seit sieben Jahren. Und könnte einen Mann an eines der feinen Herrenhäuser in seiner Heimat England erinnert haben: Winston Leonard Spencer-Churchill, zweimal britischer Premierminister, gefühlvoller Briefeschreiber an seine Frau Clementine, leidenschaftlicher Reiter, Gartenliebhaber, Maler und Schriftsteller.

1919 wird Churchill Kriegsminister Großbritanniens, überlebt einen Flugzugabsturz – und besucht Bayer. Mit Zylinder und, so lässt es sich auf einem Foto aus dem Bayer-Archiv erahnen, Gehhilfen ist der Staatsmann begleitet von britischen Soldaten im Werk zu Gast.

Wirklich feudal dürfte der Empfang nicht gewesen sein. Bayer hatte durch den Krieg stark gelitten. „Der Auslandsbesitz sowie die Patente, Marken- und Warenzeichen im Ausland waren beschlagnahmt. Davon war Bayer besonders betroffen, denn diese Firma war vor dem Krieg mehr als alle anderen deutschen Chemieunternehmen im Ausland engagiert gewesen“, notiert Bayer im Buch „Meilensteine“, der Chronik zum 125. Firmengeburtstag 1988.

Besonders hart für Bayer: Der Bürgerkrieg in Russland machte dem Unternehmen zu schaffen, die russische Tochterfirma ging verloren. Dabei war ein gemieteter Keller in Moskau mit ein paar Arbeitern und einem Handrührwerk 43 Jahre zuvor die erste Ansiedlung Bayers im Ausland überhaupt gewesen.

In den USA war im Kriegsjahr 1917 ein staatliches Treuhandbüro zur Verwaltung feindlichen Vermögens gegründet worden. Das wiederum verkaufte ab 1919 die amerikanischen Patente der deutschen chemischen Industrie an eine frisch gegründete Chemical Foundation – „zum Spottpreis von 250.000 Euro“, steht in der Konzernchronik. Die Foundation habe die Patente dann an US-Firmen veräußert. Schon ein Jahr zuvor aber hatte das amerikanische Unternehmen Sterling von eben diesem Treuhandbüro die Bayer-Firmen, ihre Patente, den Namen Bayer und die Warenzeichen, vor allem Aspirin, ersteigert. Sterling holte sich zudem die Rechte für weitere Länder, darunter Australien und Großbritannien. „Erst 51 Jahre später, 1970, konnte Bayer seinen Namen und seine Warenzeichen weltweit zurückkaufen mit Ausnahme der USA und teilweise Kanada“, heißt es in der Chronik weiter. Der Versailler Vertrag von Anfang 1919 fiel zudem naturgemäß nicht zugunsten der chemischen Industrie in Deutschland aus. Und doch stellte Bayer-Chef Carl Duisberg damals fest: „Wir müssen den Versailler Vertrag erfüllen, um ihn ad absurdum zu führen.“

Oder anders ausgedrückt: „Die deutsche Farbstoffindustrie hing in hohem Maße vom Weltmarkt ab und war daher auf eine politische Verständigung mit den Siegern angewiesen.“ Der Besuch von Churchill in dem Jahr könnte ein Stück weit vielleicht auch dazu beigetragen haben.

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