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Leichlingen: Zeitzeugen im Film festgehalten

Leichlingen : Zeitzeugen im Film festgehalten

Der "Freundeskreis Stadtmuseum Leichlingen" lässt in einer großen Aktion ältere Leichlinger Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Die Interviews werden gefilmt und sollen helfen, die Vergangenheit lebendig zu halten.

Brunhilde Stender hat leckeren Kuchen aufgetischt — selbst gebacken natürlich, wie es sich für eine gelernte Hauswirtschafterin gehört. Den bietet sie in den Drehpausen ihren Gästen immer wieder geschickt an. So geschickt, dass Kamerafrau Anne Effertz fürchtet: "Morgen habe ich bestimmt ein Kilo zugenommen."

Es geht locker und lustig zu an diesem Nachmittag am Neuland. Dort wohnt Brunhilde Stender mehr oder weniger seit ihrer Geburt im Jahr 1937. Und die 75-Jährige berichtet vor laufender Kamera unter anderem, wie ihre Familie einst nach Leichlingen kam, was ihren Vater dazu bewog, eine Hühnerfarm auf dem großen Grundstück anzulegen und wie sie selbst als kleines Mädchen in der Schule Bennert mit ihrem Lehrer nachmittags im Wald Kräuter sammelte, die dann verwundeten Patienten im Krankenhaus gebracht wurden.

Seit 2011 wird gedreht

"Zeitzeugen" nennt sich die Aktion, bei der der "Freundeskreis Stadtmuseum Leichlingen" ältere Leichlinger Geschichten aus ihrem Leben erzählen lässt. Die Interviews werden gefilmt und sollen helfen, die Vergangenheit lebendig zu halten. "Diese Videos sollen nicht in irgendeinem Archiv verschwinden, sondern sind so angelegt, dass sie — entsprechend aufbereitet — im zukünftigen Stadtmuseum gezeigt werden können", sagt Freundeskreis-Vorsitzende Birgitt Färber.

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Seit dem vergangenen Jahr wird fleißig gedreht — so gibt es beispielsweise bereits Filme mit dem unlängst verstorbenen Ehrenbürgermeister Walter Schüller, Willi Müller vom Schützenverein Trompete, dem früheren Standesbeamten Werner Witte oder Lotte Rodenkirchen vom Wipperkotten.

Auch der langjährige Grundschul-Rektor und Bürgermeister Karl Reul ist mit dabei. Über ihn weiß Brunhilde Stender auch eine nette Begebenheit zu berichten. "Er war damals Junglehrer an der Schule Bennert", sagt sie. Jeden Tag sei er unweit ihres Elternhauses an der Straße entlang zur Schule gegangen. Sie selbst und ein paar Mitschülerinnen hätten ihn begleitet, "und wir haben uns immer ein wenig gezankt, wer ihm die Tasche tragen durfte".

Begegnungen am Neuland hatten mitunter aber auch überraschende Folgen. So habe ihr Vater in der "schlechten Zeit" der Nachkriegsjahre einmal einen Wanderer spontan zum Kaffee ins Haus gebeten, der öfter vorbei spaziert sei und mit dem er ein paar Worte gewechselt hatte. Bei einem Stückchen selbstgebackenem Pflaumenkuchen sei an jenem Tag über allerlei geredet worden.

Und der Vater habe dabei am Rande auch bemerkt, dass er gerade vergeblich versuche, an Dachpappe zu kommen. "Ein paar Tage später bekamen wir plötzlich drei Rollen Dachpappe ins Haus geliefert", berichtet Brunhilde Stender. Mit einem Kärtchen, auf dem gestanden habe: "Mit herzlichen Grüßen von Ihrem Wanderer." Der habe sich als Oberregierungsrat entpuppt.

Brunhilde Stender ist eine hervorragende Erzählerin. Die Mutter von zwei Söhnen und mehrfache Oma (alles Jungs) berichtet davon, wie sie für den väterlichen Betrieb Trecker fuhr, weil ihr Vater keinen Führerschein besaß, aber auch, wie sie ihren Mann kennenlernte und Anfang der 70er Jahre ihr heutiges Haus am Neuland baute (in Sichtweite des Elternhauses).

Sie hat sich perfekt vorbereitet, Seitenweise Notizen in ein Heft geschrieben. Als die Kamera nach 90 Minuten schließlich abgeschaltet wird, blickt sie auf die eng beschriebenen Seiten und sagt: "Ich hätte noch viel mehr erzählen können." Also wird das Gerät wieder eingeschaltet.

75 Lebensjahre in eineinhalb Stunden, das ist wirklich eine Herausforderung — nicht nur für Brunhilde Stender.

(RP/rl)