Unwetter in Leichlingen im Juni 2018: „Die braune Brühe schoss aus allen Ecken“

Die Unwetter-Nacht von Leichlingen: „Die braune Brühe schoss aus allen Ecken“

Das Unwetter in der Nacht zu Sonntag hat in Leichlingen schwere Schäden angerichtet. Betroffene Anwohner berichten von einer Horrornacht. Die Hilfsbereitschaft unter den Nachbarn ist groß.

„Lieber Herr Steffes, ich fände es toll, wenn die Stadt Leichlingen ein Spendenkonto einrichten könnte: Wahlweise für schnelle Hilfe, z. B. Eimer, Schaufeln, Dinge, die jetzt schnell und unbürokratisch gebraucht werden, aber auch sehr gerne für unsere Helden, die gerade ohne Pause im Einsatz sind... Ich wäre sofort mit 100 Euro dabei. Könnte Leichlingen das machen?“, schrieb am Sonntagvormittag eine Leichlingerin auf Facebook an den Bürgermeister. Eines von vielen Zeichen der Solidarität nach einer Katastrophennacht in der Stadt.

Um 0.39 Uhr geht der erste Alarm bei der Feuerwehr ein, um 1.37 Uhr wird Stadtalarm mit Sirenen für alle vier Löschzüge ausgelöst: Es zieht ein derart schweres Gewitter mit Hagel und Sturm über Leichlingen hinweg, dass die Aufräumarbeiten noch Tage dauern werden.

Feuerwehren, Rotes Kreuz und Technisches Hilfswerk aus Leichlingen, Rösrath, Kürten, Köln, Bergisch Gladbach, Wermelskirchen und Burscheid, später auch aus Leverkusen und Velbert sind in der Nacht und am Sonntag im Einsatz, um Keller auszupumpen und Straßen abzusichern.

Auch in anderen Städten im Bergischen Land und im Rheinland wütete das Unwetter. Zahlreiche Keller liefen voll, die Feuerwehr war im Dauereinsatz. Hier geht es zu unserer Zusammenfassung.

Anwohner sprechen von einer „Horronacht“

„Es war beängstigend, als wir die Kirchstraße runterfuhren und die braune Brühe aus allen Ecken schoss“, berichtet eine 60 Jahre alte Leichlingerin am Morgen. Eine andere Anwohnerin spricht von einer Horrornacht: „An Schlaf war nicht zu denken, die Sirenen heulten, ständig war das Martinshorn zu hören. Das ging bis in den Morgen so.“

Bei den Nachbarn in der Straße Am Hüpplingsgraben stand das Wasser im Keller, der Strom war weg. Die 47-Jährige und ihr Mann (52) leisteten Soforthilfe, versorgten die Nachbarn mit Strom, damit die Wasserpumpe angeschlossen werden konnte. „Das Wasser stand 30 Zentimeter hoch in der Straße, jetzt ist da ein Gemisch aus Schlammwüste und Seenlandschaft“, erzählt die Leichlingerin. Die Nachbarn machten sich mit Schneeschaufeln daran, Schlamm und Matsch Herr zu werden.

„So etwas habe ich noch nicht erlebt“

„Ich bin seit 1975 bei der Feuerwehr, so etwas habe ich noch nicht erlebt“, berichtet Siegmund Pelz, technischer Leiter im Pilgerheim Weltersbach, bei der Pressekonferenz, die die Stadt am Sonntag einberuft. Vier von sechs Häusern im Dorf sind beschädigt. In der Gemeinschaftshalle steht der Schlamm zeitweise zwei Meter hoch, Klavier und Orgel in der angrenzenden Kirche werden kaum noch zu retten sein. „Das Wasser kam von allen Hängen“, beschreibt Pelz die bedrohliche Lage in der Nacht. Die oberhalb liegenden Maisfelder hätten das Wasser nicht halten können.

Besonders schlimm hat es das Pilgerheim Weltersbach und das Seniorenzentrum Hasensprungmühle getroffen. Im Pilgerheim müssen aus Haus Emaus 13 Flüchtlinge evakuiert werden, ein Statiker untersucht am Vormittag, ob das Gebäude erhalten werden kann: Der Weltersbach hat sich in der Nacht mit aller Macht einen Weg durchs Haus gebahnt. Aus Haus Tabea müssen sieben Senioren evakuiert werden, in Haus Bethesda ist das Erdgeschoss unbewohnbar. Die angrenzende Straße ist unterspült und damit unbefahrbar, das Wasser trägt ein Auto in den Graben.

Auch die Kita Arche Noah, die auf den Hügeln Leichlingens liegt, ist betroffen. Durch die Wassermassen sind ganze Teile der Kita nicht mehr nutzbar. Am schlimmsten hat es die „Pinguingruppe“ getroffen, wo die ganz Kleinen im Alter von zwei bis drei Jahren untergebracht sind. „Hier ist sehr vieles kaputt“, berichtet Sonja Kuhlmann, die Leiterin der Arche Noah, einer Elterninitiative. „Der Linoleumboden, die Teppiche, die Betten der Kinder – alles ist komplett durchnässt und muss erneuert werden.“ Noch ist unklar, wie der Kitabetrieb am Montagmorgen ablaufen kann. „Die Eltern arbeiten und sind auf die Betreuung angewiesen“, so Kuhlmann. „Wir werden versuchen, Notgruppen in den höher gelegenen Räumen zu betreuen. Die Räumlichkeiten der Pinguine sind auf absehbare Zeit nicht nutzbar.“

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Im Dorfkern wurde eine Brücke komplett zerstört, zwei weitere sind beschädigt. „Wir sind vor allem froh, dass kein Mensch zu Schaden gekommen ist“, sagt Pilgerheim-Leiter Joachim Noss sichtlich mitgenommen und dankt den freiwilligen Helfern, die am Morgen anpacken: Mit Schaufeln und Schneeschiebern versuchten sie, vor allem der Matsch- und Lehmmassen Herr zu werden. „Wir müssen doch helfen“, sagt Bewohner Willi Deppner, der im Haus Sonnenhang von Schäden verschont geblieben ist und dafür im Haus Bethesda Schlamm schippt.

Schule vorerst geschlossen

Im Seniorenzentrum Hasensprungmühle muss in der Nacht der Neubau für betreutes Wohnen mit 13 Wohnungen geräumt werden. Dort steht das Wasser bis zur Küche des Hauptgebäudes. „Wir haben in Leichlingen zwei neuralgische Punkte: den Weltersbach und den Murbach“, sagt Thomas Knabbe, stellvertretender Bürgermeister. Der Weltersbach läuft an den Seniorenwohnheimen vorbei unterirdisch unter dem Kreisverkehr am Germaniabad durch. Dort steht nicht nur der Parkplatz des Lidl-Discounters unter Wasser, auch die Paul-Klee-Schule wird stark in Mitleidenschaft gezogen. Über Facebook heißt es, es sei ein Millionenschaden entstanden, die Schule müsse bis auf Weiteres geschlossen bleiben. „Sobald sich die Situation ändert, werden wir Sie schnellstmöglich informieren“, schreibt die Schule.

Im gesamten Stadtgebiet laufen 300 Keller mit Wasser voll, eine Schlammlawine blockiert die Straße zwischen Unterberg und Eicherhof. In Eichen und Büscherhöfen hält der Stromausfall auch am Sonntag noch an, am Kreisverkehr an der Kirchstraße steht der Matsch kniehoch.

160 Rettungskräfte versuchen, die Lage in den Griff zu bekommen, der Bauhof hat sämtliche Geräte und Fahrzeuge im Einsatz. Die Stadt wird den Schutt und Lehm in den nächsten Tagen abfahren. Sie bittet am Vormittag die Bürger, den Dreck aus den Vorgärten nicht auf die Straße zu schaufeln, „weil sonst die Kanäle beim nächsten Regen sofort wieder verstopft sind“, heißt es.

Nachbarn helfen sich

Die Hilfsbereitschaft der Leichlinger untereinander ist bemerkenswert. Bei Facebook erkundigten sich Bürger danach, wo man Essens- und Getränkespenden für die Helfer abgeben kann, andere boten Hilfe in Form von Wasserpumpen an. Die Feuerwehr wandte sich via Facebook an die freiwilligen Helfer: „Vielen Dank an alle, die uns unterstützen möchten! Wir haben alle Hände voll zu tun, möchten euch aber bitten Abstand davon zu nehmen, an den Feuerwehrgerätehäusern vorbei zu schauen und eure Hilfe anzubieten. Helft euch gegenseitig. Helft euren Nachbarn. Helft euren Freunden, Verwandten und euren Familien.“

Die Feuerwehr hat auf dem Edeka-Parkplatz an der Trompete eine Sammelstelle für Einsatzhelfer und Fahrzeuge eingerichtet, damit die Hilfe koordiniert ablaufen kann.

Und auch den Dank für den Einsatz der Helfer kommunizieren die Leichlinger prompt via Netzwerk: „Wir wissen, es ist euer Job unterwegs zu sein bei diesem Ausmaß, was die Nacht runter kam. Vielen vielen Dank für eure Einsätze, die weit über Stunden gehen! Danke an euch alle und passt auf euch auf.“

Am Abend besuchte NRW-Innenminister Herbert Reul die Leichlinger Feuerwache. Reul ist Leichlinger und wohnt auch noch in der Stadt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Leichlingen räumt nach schwerem Unwetter auf