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Leichlingen: Seit Generationen voller Liebe für das Vieh

Berufswelten im Wandel : Seit Generationen voller Liebe für das Vieh

Landwirt sein – das klingt nach viel Arbeit und wenig Freizeit. Trotzdem würde sich Familie Hielscher immer wieder für ihren Hof entscheiden.

Wenn Janeiro als Schwein zur Welt gekommen wäre, würde er vielleicht noch immer im Esszimmer der Hielschers wohnen. „Ein Ferkel stellt sich einfach schlauer an als ein Kalb“, sagt Bernd Hielscher und lacht. Aber weil das neugeborene Rind auch nach wenigen Tagen nicht lernte, wo es sein Geschäft machen sollte, musste Janeiro an die frische Luft umziehen: in eine Box nahe des Kuhstalls.

Bis dahin kostete er die Vorzüge des familiären Wohnens jedoch in vollen Zügen aus, mit Mitternachtssnacks (fünf Liter Milch im Eimer gereicht) oder einem Schläfchen auf einer Matte, die eigentlich dem Hund gehört. „Was tut man nicht alles für seine Tiere?“, fragt der Landwirt und lacht wieder. Zumal dann, wenn sie einen schwierigen Start ins Leben hatten und nicht gleich von alleine trinken wollten.

 Wobei auch Janeiros 219 „Verwandte“ nicht den Eindruck erwecken, als ob sie sich beschweren würden. Ein Mais-Gras-Futtergemisch vor dem Maul, die ein oder andere Kartoffel als stärkehaltiger Happen untergemischt, reihen sich die „Damen“ entspannt Kuhhintern an Kuhhintern.

Seit mehr als 70 Jahren geht das im Milchviehbetrieb von Familie Hielscher in Witzhelden so. Bis April bleiben die Tiere im Trockenen, dann geht es wieder raus auf die Wiese. „Wobei das nicht bedeutet, dass den Kühen kalt wäre“, sagt Bernd Hielschers Tochter Isabelle. „Wenn wir Menschen anfangen zu frieren, empfinden sie die Temperatur als ideal.“

Bei zwei Grad in einem in alle vier Himmelsrichtungen offenen (wenn auch überdachten) Stall zu stehen? Könnte dem ein oder anderen Zweibeiner tatsächlich Frostbeulen bereiten – und womöglich schlechte Laune. Isabelle Hielscher aber liebt ihren Job; das wird deutlich, ohne dass sie es nur einmal aussprechen muss. „Ich bin schon so früh zwischen den Kühen hin und her gesprungen, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann“, sagt sie. Dass die 23-Jährige einmal ins Hofgeschäft einsteigen würde, es bald gar übernimmt, steht schon lange fest. 

 Tochter Isabelle Hielscher (23) liebt die Arbeit in dem Milchviehbetrieb.
Tochter Isabelle Hielscher (23) liebt die Arbeit in dem Milchviehbetrieb. Foto: Miserius, Uwe (umi)

Zu gern steht die Jungbäuerin um drei Uhr nachts auf, wenn ein Kälbchen geboren wird. Und blättert stundenlang durch Kataloge, in denen die vielversprechendsten Zuchtbullen mit Name, Größe und Ganzkörperaufnahme zu bestaunen sind. Oder säubert mit Begeisterung die Euter von Zimtstern, Papaya und Wölkchen, wenn diese abends in den Melkstand treten – eine Einrichtung, die an ein Karussell erinnert, weil die Kühe in Kreisbewegung in kurzen Abständen automatisch gemolken werden.

Dass das Abpumpen der rund 5000 Liter Milch zu einer Tageszeit passiert, wenn im Fernsehen die besten Filme laufen, stört Isabelle wenig. „Freizeit – was ist das?“, sagt sie und schmunzelt. Ihr Urlaub im vergangenen Jahr dauerte zwei Wochen, sie und Freund Till waren in Thailand. Während der 28-Jährige an einer Fachhochschule zum staatlich geprüften Agrarbetriebswirt ausgebildet wurde, studierte seine Freundin in Bonn den Bachelor of Science in Agrarwirtschaft. „Es gibt viele Wege in den Beruf“, sagt Vater Bernd (sein Handy-Klingelton: ein Muhen). Aber genauso viele führten auch wieder davon weg.

 „Wenn ich überlege, wer aus meiner Studienzeit damals in Soest heute als Bauer arbeitet, dann sind das wenige“, sagt der 62-Jährige. Viele Kommilitonen seien bei Banken beschäftigt, auf Ämtern oder in Energiekonzernen. „Landwirt zu sein ist kein günstiger Spaß. Wir müssen allein 40 Angestellte bezahlen.“ Zwar stellt das deutschlandweite Verkaufen der Milch an Molkereien und das Beliefern von Cafés im Raum Köln/Düsseldorf das Haupteinkommen dar. Doch der Nebenerwerb mit der eigenen Käserei, deren Produkte sie deutschlandweit verschicken, dem Hofladen und dem Restaurant seien „mehr als willkommen“. 

Mutter Ute, 56, die ebenfalls auf dem Hof arbeitet, gibt gerne zu, dass sie nicht immer begeistert war von der Idee ihrer Kinder, den Betrieb übernehmen zu wollen. „Neben Isabelle und unserem Sohn Mark, der gerade eine landwirtschaftliche Ausbildung bei Bayer macht, könnten wir locker noch drei Kinder mehr brauchen“, äußert sie.

Denn passendes Personal zu finden, stelle neben dem Klischee, dass Bauern Umweltvergifter und wegen angeblicher Massentierhaltung auch Tierquäler wären, die größte Schwierigkeit dar. Und da kommen die Tierarzt-Termine, kaputte Maschinen und viel zu niedrige Milchpreise von aktuell 36 Cent pro Liter noch dazu. „Wer einen Milchviehbetrieb aufmacht, muss damit leben können, öfter auf ein Darlehen zurückzugreifen.“ Und darauf vertrauen, dass die Menschen ihr gesteigertes Interesse an ökologisch hochwertig produzierten Lebensmitteln aus Hofläden nicht so schnell verlieren. 

Dass die Hielschers ihren Enthusiasmus für ein Leben als Landwirte loswerden, scheint geradezu ausgeschlossen. Da hat Janeiro wohl wirklich Schwein gehabt, auf diesem Hof zur Welt gekommen zu sein.