Leichlingen: Geschichts-Fan spürt "Mord im Kinderheim" nach

Leichlingen: Geschichts-Fan spürt "Mord im Kinderheim" nach

Die Schilderung des einstigen Heimkindes Wilhelm Heups über den Tod seiner Schwester bewegt Hobby-Historiker.

Die Geschichte klingt wie ein Schauermärchen: Der Leichlinger Historien-Liebhaber Michael Kiesewalter hat sie auf einer privaten Internet-Seite entdeckt und im Stadtarchiv überprüft. Es geht um das damalige Waisenhaus St. Heribert-Stift in Leichlingen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, das Waisenkind Wilhelm Heups - und wenn man dessen Schilderungen glauben mag, geht es auch um Mord!

Dieses Bild zeigt die Sprengung des Gebäudes im Jahr 1970. Die Straße am Kloster ist nach dem Namen benannt, den es im Volksmund trug. Foto: Kiesewalter

Kiesewalter hat diverse Details zusammengetragen und schildert die Ereignisse so: "Wilhelm Heups wird um das Jahr 1900 in das Waisenhaus St. Heribert-Stift in Leichlingen gegeben. Jahre später berichtet er, wie grausam die Zeit im Stift gewesen sei. Schwere, für Kinder eigentlich unzumutbare Landwirtschaft, mehr als zwölf Stunden täglich Auftrags-Näharbeiten für die jungen Mädchen, unzureichende Nahrung und körperliche Bestrafungen durch die Nonnen sind Heups zufolge an der Tagesordnung."

Am schlimmsten trifft Wilhelm aber der Tod seiner geliebten kleinen Schwester Catharina. Sie kommt im Alter von sieben Jahren ins Heim und verstirbt dort ein knappes Jahr später. "Noch im hohen Alter schwört der Bruder, dass er - knapp 15 Jahre alt - gesehen hat, wie eine der Nonnen seine Schwester mit einem Kopfkissen erstickt haben soll, weil Catharina unaufhörlich weinte", berichtet Michael Kiesewalter, der in der Blütenstadt seit einigen Jahren die Internetseite www.geschichte-leichlingen.de gemeinsam mit weiteren Partnern betreibt.

Lässt sich tatsächlich ein Mord belegen? In dem wenigen noch vorhandenen Archivmaterial finden sich keine Hinweise auf diese mögliche Straftat. So viel hat Kiesewalter in einem intensiven Gespräch mit dem früheren Stadtarchivar Torsten Schulz-Walden herausgefunden.

Den Verdacht erhärten demnach allerdings zwei Merkwürdigkeiten. Erstens: Über Wilhelm Heups gibt es in den ansonsten vollständigen Heimlisten keine Information. Aus anderen Quellen dagegen ist bekannt, dass er im Jahr 1908 sehr plötzlich das Heim verlässt und zu einem Bauern in Unterfeldhaus zur Kost und Logis gegeben wird, der auch die Vormundschaft für den Jungen übernimmt.

Zweitens: Auf der in Leichlingen ausgestellten Todesurkunde ist der Tod von Catharina im Heim belegt, aber es ist keine Todesursache eingetragen.

All das ist Grund genug für Michael Kiesewalter, jetzt in die öffentliche Recherche einzusteigen.

Er bittet alle, die etwas über den Fall Heups wissen, sei es aus Dokumenten oder Erzählungen, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. "Vielleicht gelingt es uns ja, die einzelnen Puzzle-Stücke zusammenzusetzen." Lohnen würde es sich alle Mal, denn Mord verjährt nie, auch wenn heutzutage keiner mehr zur Verantwortung gezogen werden könnte.

Das Waisenhaus wurde damals von den Leichlingern im Volksmund übrigens "Kloster" genannt. 1970 wurde das Gebäude gesprengt. Die Straße Am Kloster ist nach ihm benannt- sie gibt es heute noch.

Das aktuelle Kinderdorf St. Heribert befindet sich an der Landrat-Trimborn-Straße und zählt seit vielen Jahren zu Leichlingens anerkanntesten Institutionen. Die pädagogische Arbeit dort gilt als vorbildlich und hat mit einem Mord wohl nur noch in der Hinsicht zu tun, dass sie allgemein als "mordsmäßig gut" eingestuft wird.

Hinweise zu Wilhelm Heups können sowohl per E-Mail an die Adresse redaktion.leverkusen@rheinische-post.de gesandt werden, als auch direkt an Michael Kiesewalter unter M.Kiesewalter@freenet.de.

(RP)