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Leichlingen: Bomben auf den Bahnhof: Zeitzeugen berichten

Leichlingen : Bomben auf den Bahnhof: Zeitzeugen berichten

Der "Freundeskreis Stadtmuseum " lässt in einer großen Aktion ältere Leichlinger Geschichten aus ihrem Leben erzählen.

Die Familien von Ursula Weber und Lotte Rodenkirchen hatten während des Zweiten Weltkriegs schon ein Telefon im Haus. Das war das Glück der beiden zehn und elf Jahre alten Mädchen: Am Morgen des 4. Oktobers 1944 telefonierten ihre Mütter miteinander und entschieden angesichts des ausgelösten Vollalarms, dass die Töchter an diesem Tag nicht mit dem Zug vom Bahnhof Leichlingen aus in die Schule nach Opladen fahren sollten. Ihre Freundin und Klassenkameradin Erika aber machte sich zur gleichen Zeit von der Moltkestraße aus auf den Schulweg. Sie erlebte an diesem Morgen vor 70 Jahren hautnah mit, wie der Leichlinger Bahnhof bombardiert wurde.

Bei dem Angriff kamen damals 25 Menschen ums Leben, noch einmal so viele wurden zum Teil schwer verletzt. "Als wir auf dem Bahnsteig standen, sahen wir, dass sich von Westen ein Flugzeug-Geschwader näherte und über Leichlingen flog", erinnert sich Erika Schäfer noch heute sehr genau. Die Schülerin stieg damals mit anderen Reisenden in den hinteren Teil des Zuges ein. Weil sie hörten, dass die Flugzeuge wendeten und sich Leichlingen aus der anderen Richtung wieder näherten, schlossen sie das Abteilfenster. Kurz darauf schlug unmittelbar neben dem vorderen Waggon eine Bombe ein, die viele Menschen in den Tod riss oder schwer verletzte.

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Erika Schäfer aber hatte sich auf den Boden geschmissen und blieb bis auf ein paar Schnittwunden durch die splitternden Fenster unverletzt. "Ich bin so froh, dass die Unterführung am Bahnhof heute anders aussieht. Bis zum letzten Jahr hatte ich dort immer noch die Toten und Verletzten vor Augen, die damals dort lagen", sagt Erika Schäfer.

 Links: Ursula Weber, Lotte Rodenkirchen und Erika Schäfer erinnern sich an den 4. Oktober 1944 - jenen Tag, als 25 Menschen beim Angriff auf den Leichlinger Bahnhof ums Leben kamen.
Links: Ursula Weber, Lotte Rodenkirchen und Erika Schäfer erinnern sich an den 4. Oktober 1944 - jenen Tag, als 25 Menschen beim Angriff auf den Leichlinger Bahnhof ums Leben kamen. Foto: Matzerath/privat

Lotte Rodenkirchen und Ursula Weber waren zum Zeitpunkt des Angriffs in der Bahnhofstraße. "Wir sind zur Wichelhaus-Wiese gelaufen und haben geschaut, was passiert ist", erinnert sich Ursula Weber, dass sie in etwa dort standen, wo heute die Landwehrstraße beginnt. "Als erstes habe ich zwischen den ganzen Verletzten und Toten meine Lieblingslehrerin entdeckt, sie war tot", beschreibt die Seniorin das entsetzliche Bild, das sich ihnen dort bot. "Ich habe den ganzen Tag geheult."

Auch Lotte Rodenkirchen geht bis heute ein Anblick nicht aus dem Kopf. "Die Menschen liefen panisch und aufgeregt durch die Straßen. Nur eine Frau fiel mir auf, die völlig erstarrt die Bahnhofstraße herunterkam: Sie trug in der Hand ihr Ohr."Durch den Bombenangriff endete von einem Moment auf den anderen das normale Schulleben der drei Mädchen. "Die Bahngleise waren unterbrochen, wir kamen nicht mehr nach Opladen", erzählt Ursula Weber.

Trotz des Kriegsgrauens konnte sie dem Ganzen aber auch etwas Gutes abgewinnen: "Die Tochter des evangelischen Pfarrers Greiser war Lehrerin und hat nach dem Bombenangriff die Nachbarskinder im Gemeindehaus unterrichtet. Das war toll." Die Gefühle, die die drei Damen heute mit den Erlebnissen von damals verbinden, sind indes verschieden: "Indem wir jetzt wieder darüber sprechen, regt mich das wahnsinnig auf", sagt Lotte Rodenkirchen. Anders Ursula Weber: "Mich regt das nicht mehr auf. Ich hoffe nur, dass so etwas nie wieder passiert."

Zeitzeugen Die drei Damen rufen weitere Zeitzeugen auf, ihre Erinnerungen weiterzugeben. Der "Freundeskreis Stadtmuseum Leichlingen" beispielsweise lässt in einer großen Aktion ältere Leichlinger Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Die Interviews werden allesamt gefilmt und sollen dabei helfen, die Vergangenheit lebendig zu halten. Ansprechpartnerin ist die Freundeskreis-Vorsitzende Birgitt Färber (Telefonnummer: 0 21 75 / 7 11 72).

(inbo)