Leichlingen: Ausweis auf alter Landkarte

Leichlingen : Ausweis auf alter Landkarte

Als Leichlingen 1946 zur britischen Besatzungszone gehörte, erhielt Martin Thielsch ein amtliches Papier, das auf gebrauchtem Papier gedruckt war. Ein Stück oft vergessener Zeitgeschichte aus der Blütenstadt.

Ein Ausweis, der auf einer Landkarte gedruckt ist? Das ist heute unvorstellbar. Aber 1946 waren die Zeiten anders. Papier war nach dem Krieg knapp, und so hält Martin Thielsch eine Leichlinger Meldebestätigung der "Military Government of Germany" in den Händen, die auf der Rückseite Teile von Lothringen kartografisch verzeichnet.

Das Papier ist schon etwas vergilbt, aber gut lesbar. "Martin Thielsch, Beruf Bäcker" steht auf dem deutsch und englisch ausgeführten Dokument. Leichlingen war damals britische Besatzungszone. "Mein Beruf hat mir das Leben gerettet", sagt der 85-Jährige heute. Obwohl er mit 17 Jahren eingezogen wurde, musste er nicht kämpfen, sondern in der Feldbäckerei in Büscherhofen Kommissbrote für die Front backen.

30 Jahre Agfa-Mitarbeiter

Nach Krieg und Kriegsgefangenschaft fand er keine Stelle in seinem Beruf, so dass er umsattelte und 30 Jahre bei Agfa in der Fotofabrik arbeitete. Aus Leichlingen ist der gebürtige Oberschlesier nie weggezogen. "Damals wohnten hier 8000 Leute. Ich war immer nur der Martin, die Nachnamen kannte niemand", erzählt der Rentner, der vor zwei Monaten seine Frau verloren hat.

"An unserem 59. Hochzeitstag wurde sie beerdigt", erzählt Thielsch, der nun allein in seinem Haus am Rothenberg wohnt und sich an die neue Situation erst gewöhnen muss. Dreieinhalb Monate habe er in Krankenhäusern verbracht, nun müsse er sich auch mal wieder um sich selbst kümmern und etwas unternehmen. Den Rollator, den ihm seine Schwiegertochter besorgt hat, will der Leichlinger allerdings nicht benutzen. Früher fuhr Thielsch leidenschaftlich gerne Fahrrad.

Ein Auto hat er nie besessen. Das Sammeln von Pfandflaschen wurde sein Hobby, so dass er sich häufig schon um 5.30 Uhr auf den Sattel schwang. "Man musste der Erste sein, damit es sich lohnte", erinnert er sich. Im Alter von 80 Jahren hat er das Fahrradfahren aufgegeben. "Auf Anraten meiner Familie", sagt der Rentner. Seinen alten Ausweis hebt Martin Thielsch in der Kommode auf.

Nachdem er Bürgermeister Ernst Müller beim Stadtfest von dem Ausweis erzählt hat, ist das Dokument nun von der Stadt Leichlingen kopiert und archiviert worden — als ein Teil lebendiger Geschichte Leichlingens.

(RP)
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