Stadtteil-Porträt (Folge 3): Wiescheid: Viel Platz für individuelles Bauen

Stadtteil-Porträt (Folge 3) : Wiescheid: Viel Platz für individuelles Bauen

Der kleinste Ortsteil der Posthorn-Stadt ist auch sein abgelegenster: Wiescheid ist schon Bergisches Land und reich an Wald und Wiesen.

Wiescheid Langenfelder, die westlich oder unterhalb der A 3 wohnen, also 94 Prozent aller Posthorn-Städter, verschlägt es in der Regel nie bis selten nach Wiescheid — oder aber sie erholen sich gern in der nahen Natur. Dann ist der Ortsteil, in dem das Bergische Land nach Langenfeld ausläuft, ein beliebtes Ziel: für Spaziergänger und Wanderer ebenso wie für Radler, Nordic Walker und Jogger. Schmökert der Frischluftfreund nach der Heimkehr in sein dichtbesiedeltes "Kern-Langenfeld" dann im Immobilienteil der Zeitung, ist die Verwunderung mitunter groß: Wie? So teuer sind die Häuser dort draußen? Wer hätte das gedacht! "Ja", sagt dazu Hans Achterwinter stolz: "Hier bei uns in Wiescheid genießt man eben fast ländliche Ruhe, trotzdem ist man dank der Autobahn auch ganz schnell in Großstädten wie Düsseldorf oder Köln. Und das hat seinen Preis."

Die Trattoria im WTC ist ein beliebter Treffpunkt: Die Wirte Salvatore Cottone und Marieta Braghici mit der Wiescheider Tennislegende Hans Achterwinter (r.). Foto: Matzerath, Ralph (rm-)

Achterwinter ist Wiescheider Urgestein. Der heute 72-Jährige wuchs in dem einstigen Dorf auf, baute im wahren Wortsinne Ende der 70er Jahre den örtlichen Tennisclub mit auf und saß 18 Jahre lang für die CDU im Langenfelder Stadtrat. "Ich habe Wiescheid wachsen sehen", sagt er. Seit seiner Jugend in den 50ern hat sich die Einwohnerzahl mehr als verzehnfacht. Das klingt monströs, lässt aber immer noch viel freie Landschaft übrig: Statt etwa 300 Seelen, die sich damals in dem landwirtschaftlich geprägten Landstrich mit dem Dorf Feldhausen und den Hofschaften Landwehr, Ossenbruch, Krüdersheide, Wafert und Schwanenmühle verloren, sind es heute knapp 3300. Den letzten Wachstumsschub gab es in den vergangenen zehn Jahren, hauptsächlich an der Parkstraße, mit rund 100 neugebauten Wohneinheiten, in Doppelhaushälften ebenso wie Einfamilien- und Reihenhäusern. Anders als in den meisten anderen Neubaugebieten Langenfelds wurde hier etlichen Bauherren größtmögliche Freiheit bei der Gestaltung ihrer Häuser gegeben.

Die Jottwede-Lage bringt es mit sich, dass nur wenige Wiescheider ohne Auto auskommen. "Ich zum Beispiel muss zur nächsten Bushaltestelle schon ein paar Minuten laufen", sagt Achterwinter. Doch wenn man erst mal im Bus sitze, sei es bis zu den nächstgelegenen Einkaufsstädten nicht weit, hinunter nach Langenfeld ebensowenig wie hinauf nach Ohligs: "Zehn Minuten Fahrt, und man ist am dortigen Hauptbahnhof mit seinen guten Zuganschlüssen."

Seit vier Jahren, seit es den Aldi an der Ohligser Straße gibt, ist auch die örtliche Grundversorgung gesichert. Hinzu kommen eine Post-Agentur (im Aldi), eine Bäckerei und ein Zeitschriftenkiosk. Die Gastronomie reicht von einer Eisdiele über die "Gasthaus"-Kneipe und den "Schützenhof" (auf Solinger Grund) bis hin zur Ausflugs- und gehobenen Restauration, an der Schwanenmühle, in der Wasserburg Haus Graven und im Romantik-Hotel Gravenberg. Zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt hat sich die Trattoria im Wiescheider Tennis-Club. "Kathie" und "Salvo" tischen dort täglich außer montags ab 17 Uhr mediterrane Gerichte auf, sommers wie winters.

Gewerbe in nennenswertem Umfang ist in Wiescheid eher eine historische Erscheinung: Straßennamen wie Schlieperstraße (= Schleifer) oder Klingenweg erinnern an die Hausbetriebe, die einst der Solinger Schneidwarenindustrie zulieferten. Das bekannteste Zeugnis dieser Epoche findet sich indes außerhalb des Ortsteils: Die Werkstatt des Schalenschneiders (also Messergriffherstellers) Wilhelm Jacobs wurde eingelagert und im Langenfelder Volksgarten an der B 8 zum Teil wiederaufgebaut, wo sie seit einigen Jahren in einem gläsernen Kasten zu besichtigen ist.

Sehenswürdigkeiten in Wiescheid selbst sind der Segelflugplatz mit den dort startenden und landenden Flugzeugen und die Wasserburg Haus Graven (17. Jahrhundert), für die der gleichnamige Förderverein ein Freizeit- und Kulturprogramm gestrickt hat, das sich sehen lassen kann. Ein Besuch lohnt auch die 1900 geweihte Kirche St. Maria Rosenkranzkönigin mit ihren von Georg Meistermann gestalteten Fenstern (1948-62). In ihrer Nachbarschaft findet sich der katholische Kindergarten, nicht weit davon entfernt, an der Parkstraße, die Gemeinschaftsgrundschule. Anders als die katholische hat sich die evangelische Kirchengemeinde aus finanzieller Not aus dem Ortsteil zurückgezogen: Das ehemalige Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Alt Wiescheid 20, ist seit seiner Schließung 2004 Eigentum der Stadt. Die hat es als "offenes Atelier" an Künstlerin Michaela Dreßen vermietet.

Groß gefeiert wird nebenan, in der Bürgerhalle. Der "Verein zur Unterhaltung der Bürgerbegegnungsstätte" (VUB), der die Halle betreibt, bildet gleichsam das Vereinsleben in Wiescheid ab. Im VUB vertreten sind der Männerchor Frohsinn, die Sportgemeinschaft Langenfeld, der Tennis-Club, die Freiwillige Feuerwehr, der Kleingartenverein "Tannenbusch", der Gravenberger SV, der CDU-Ortsverband und der Schützenverein Landwehr, der im Sommer sein 100-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Vorigen Samstag veranstaltete die Mehrzahl dieser Vereine im Neubaugebiet am Härterweg einen unterhaltsamen Nachmittag, um sich mit den Neubürgern bekannt zu machen (siehe Zweittext). Die Anwesenheit der CDU in dieser Runde verdankt sich der Geselligkeit der Wiescheider Christdemokraten: Mit "Schwarzem Freitag" (Karneval), Osterfeuer, Pöttfest und Weihnachtsmarkt stellen sie gleich vier regelmäßig gut besuchte Veranstaltungen pro Jahr auf die Beine.

Denjenigen, die es nicht so mit Wandern haben, etwa dem Erklimmen des 112 Meter hohen Wenzelnbergs, der höchsten Erhebung im Stadtgebiet, die sich aber trotzdem sportlich betätigen wollen, bieten sich neben dem Tennis-Club weitere Gelegenheiten zu schwitzen: etwa beim GSV mit seinem Fußballplatz hinterm Romantik-Hotel oder im Sportpark Landwehr (Fitness, Badminton, Indoor Football etc.) auf der Solinger Straßenseite.

Und was fehlt in Wiescheid? "Eine Sparkassen-Filiale oder zumindest ein Bankautomat. Und eine Apotheke", sagt Hans Achterwinter. Zur Not täte es auch eine Art Apotheker-Briefkasten zum Einwerfen der Rezepte, mit täglicher Leerung und Hauslieferung der Medikamente. "So etwas gibt's ja andernorts schon", weiß der 72-Jährige. Dabei hat er nicht nur seine Generation im Blick, sondern auch diejenigen, die die Rente noch vor sich haben: Nach der letzten städtischen Prognose (2010) wird Wiescheids Bevölkerung von allen Langenfelder Ortsteilen bis 2030 am stärksten altern.

(RP)
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