Langenfeld: Veränderte Sterbekultur fordert Kirchen heraus

Langenfeld: Veränderte Sterbekultur fordert Kirchen heraus

Bei einer Diskussionsrunde der AG christlicher Kirchen war man sich einig: Der Tod muss wieder enttabuisiert werden.

Sterben, Beisetzung, Trauer - der Umgang mit dem Thema Tod hat sich in den vergangenen Jahren gravierend gewandelt. Bei einer Podiumsdiskussion der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Kooperation mit der VHS diskutierten Fachredner vor rund 150 Besuchern über den zeitgemäßen Umgang mit dem Tod.

Früher starb der Mensch in der Regel zuhause, im Kreise seiner Lieben, mit dem letzten Segen des Pastors. Der Tote wurde aufgebahrt, der Geistliche schenkte Trost, die Erdbeisetzung folgte, die Hinterbliebenen sorgten für die Grabpflege.

Heute stirbt ein Großteil der Menschen im Krankenhaus oder Altenheim, ohne eine vertraute haltende Hand, der Leichnam wird immer häufiger eingeäschert. Aus Kostengründen oder um Angehörigen nicht zur Last zu fallen, entscheiden sich viele zunehmend für eine anonyme Beisetzung. "Wir erleben einen Trend der Individualisierung und der Digitalisierung", erklärt die Theologin Eva-Maria Will, Referentin für Trauerpastoral und Bestattungskultur beim Erzbistum Köln, "mittlerweile gibt es kostengünstige Discounterbestattungen aus dem Internet, etwa in Slowenien, virtuelle Kerzen, Trauerforen. Viele leben nicht mehr in stabilen Sozialgefügen und der Tod als solcher wird zunehmend tabuisiert- hier findet ein massiver Traditionsabbruch zur Bräuchen und Ritualen statt."

Viele der Zuhörer - die meisten Senioren - nicken zustimmend. Es geht konkret um zwei Fragen. Wie begegnen wir dem zunehmenden Wunsch nach verschiedensten Beisetzungsmöglichkeiten? Und wie schaffen wir es, den Sterbenden nicht alleine zu lassen, die Hinterbliebenen in ihrer Trauer ein Stück mitzutragen? "Wir haben schon zwangsläufig deshalb einen anderen Totenkult entwickelt, weil es kaum noch Großfamilien gibt an einem Ort", sagt der Chefarzt der Gynäkologie im St. Martinus-Krankenhaus, Dr. Detlev Katzwinkel. "Die ganze Familie lebt überall verteilt, keiner ist da, der sich um das Grab kümmern kann. Das führt zu vielen anonymen Beisetzungen, oft kommt aber danach die Erkenntnis der Hinterbliebenen und der daran geknüpfte große Schmerz, dass sie doch gerne einen Ort der Trauer gehabt hätten." Das sieht die Franziskaner-Schwester Mediatrix Nies genauso. "Die Menschen sind nicht mehr geborgen in Gott, sie glauben nicht mehr, sie haben dadurch große Angst vor dem Tod und vermeiden, sich damit auseinander zu setzen. Sie suchen den Sterbenden mit der Begründung nicht auf, sie wollten ihn so, wie er war, in Erinnerung halten." Weil auch der demografische Wandel in etwa 30 Jahren zu einem regelrechten Sterbeboom führen wird, wollen die Kirchen vor allem den Bereich "Trauerbegleitung und Seelsorge" ausweiten. "Achten Sie dabei aber auf eine wirklich fundierte Ausbildung der Ehrenamtler und finden Sie auch den Mut, mal jemanden abzulehnen, weil er sich für ein solch hochsensibles Ehrenamt nicht eignet", appelliert Bestatter Bernd-Peter Bertram an Eva-Maria Will. Letztlich aber, da sind sich alle einig, ist vor allem die Gesellschaft in einem Punkt gefordert: das Thema Tod zu enttabuisieren.

(dani)