Langenfeld: Unterricht im fahrenden Klassenzimmer

Langenfeld : Unterricht im fahrenden Klassenzimmer

Die von der Evangelischen Kirche im Rheinland getragene "Schule für Circuskinder" feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Derzeit steht einer der mobilen Schulwagen an der B8, wo der Zirkus Hansa sein Lager aufgeschlagen hat.

Wenn Rachel Maatz in ihre Schule will, muss sie in einen Kleinbus steigen - aber nicht, um damit irgendwo hin zu fahren. Der Unterricht der Zehnjährigen findet in dem eigens für diesen Zweck umgebauten Fahrzeug statt. Ihre Klasse besteht aus fünf weiteren Kindern, die alle eine Gemeinsamkeit haben: Sie sind der Nachwuchs von Schausteller- und Zirkusfamilien, die quer durch die Republik reisen.

Das Leben auf Rädern macht einen regelmäßigen Schulbesuch nahezu unmöglich. Aus diesem Grund hat sich vor 20 Jahren die Schule für Circuskinder gegründet. Der Großteil des Unterrichts läuft in den zu fahrenden Klassenzimmern umgebauten Kleinbussen ab. In den meisten Fällen reisen die Lehrkräfte den Zirkussen hinterher. So wie Ralf Herzenberger, der gestern in Langenfeld Geografie unterrichtete.

Herzenbergers Kollegin Eva Röthig ist seit dem Gründungsjahr 1994 dabei. "Das ist natürlich ein spezielles Umfeld, in dem wir aktiv sind", sagt die Pädagogin, "aber es ist wichtig, dass Kindern von Schaustellerfamilien Schulbildung vermittelt wird." Früher sei dies "unendlich kompliziert" gewesen, weil der Nachwuchs aus den Zirkusfamilien immer an den Schulen der jeweiligen Stadt angemeldet werden musste. "Das war auf Dauer nicht praktikabel", meint die 46-Jährige.

Knapp 350 Zirkusfamilien gibt es ihrer Schätzung nach in Deutschland. Hinzu kommen Schausteller aus anderen Bereichen wie etwa Jahrmärkten. Die Schule für Circuskinder ist eine staatlich anerkannte Ersatzschule mit inzwischen 30 Lehrern und rund 220 Schülern. Sie vermittelt den Stoff der Sekundarstufe I. Möglich sind dabei alle Schulabschlüsse nach Klasse 10 - auch die Qualifikation für eine gymnasiale Oberstufe.

Die Prüfungen und Klausuraufgeben unterscheiden sich nicht von denen in Regelschulen - die Unterrichtsinhalte allerdings mitunter schon. Im Wahlpflichtbereich "Darstellen und Gestalten" können die jungen Artisten zum Beispiel für ihre Auftritte in der Manege üben. Außerdem geht es in den Schulstunden auch um Vertragsrecht, Versicherungen oder die Aufnahme in die Künstlersozialkasse (KSK).

"Das sind Themen, die im Alltag der Schüler und in ihrem späteren Leben eine wichtige Rolle spielen", sagt Röthig. "Es ist auch kein Geheimnis, dass es vielen Zirkusfamilien nicht mehr so gut geht. Umso wichtiger ist es, dass die Jugendlichen einen Schulabschluss und damit auch Perspektiven jenseits der Manege haben."

Für die meisten Schüler kommt ein Leben außerhalb der Zirkusfamilie kaum in Frage. Rachel Maatz liebt ihre Arbeit in der Manege. Sie gehört zu den Artisten des Zirkus Proscho, wo sie für ihren Umgang mit Hula-Hoop-Reifen und Clownerie bekannt ist. Ein Bürojob? Undenkbar. Spaß am Unterricht hat die Zehnjährige trotzdem - und durchaus ehrgeizige Ziele: "Ich finde die Schule toll und würde später am liebsten Abitur machen.".

Bis dahin ist es sicherlich noch ein weiter Weg im fahrenden Klassenzimmer, das mit einer Vielzahl von Lehrmaterialien und sogar einer Computer-Ecke ausgestattet ist. Das unterschiedliche Alter der Schüler ist kein Problem. Jeder hat sein individuellen Lernprofil, nach dem die Wissensvermittlung erfolgt - und wenn es nicht anders geht, läuft der Unterricht über eine Internetplattform weiter. "Der technische Fortschritt hat uns vieles erleichtert", sagt Röthing. "In unserer Arbeit müssen wir sehr flexibel sein und uns an die Lebenswirklichkeit der Zirkusfamilien anpassen."

(arod)
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