Zwei Langenfelder besiegen die „Grüne Hölle“

Motorsport : Zwei Langenfelder besiegen die „Grüne Hölle“

Für Jörg Bergmeister liefen die 24 Stunden auf dem Nürburgring aber bescheiden. Robin Chrzanowski war froh, das Ziel zu sehen.

 Es heißt, dass der Nürburgring ein Mythos sei, eine Erzählung oder eine sagenhafte Geschichte also. Dasselbe gilt fürs 24-Stunden-Rennen. Aber in der Summe wird daraus noch mehr: Es ist laut, es ist bunt, es ist verrückt, es ist friedlich, es ist ein Fest, es ist großer Motorsport. Und es gibt Dinge, die so garantiert nur auf dem berühmten Eifelkurs stattfinden. Ein Beispiel: Weil auch 2019 wieder mehr als 150 Autos an den Start gehen, müssen sich im Schnitt fünf Teams die nur sehr begrenzt verfügbaren Boxen teilen. Drinnen geht es verdammt eng zu: Fünf Autos und dazugehörige Crew sind in jeder Mini-Halle unterzubringen. Draußen sind Schilder mit den Namen der betreffenden Fahrer angebracht. Was über Box sechs hängt? Erstaunlich. Du musst tatsächlich zwei bis drei Mal hinsehen, aber es stimmt. Der eine Name ist sehr bekannt: Jörg Bergmeister (43), Startnummer 44, ist schließlich erst vor guter einer Woche Langstrecken-Weltmeister geworden und er hat gerade die 24 Stunden von Le Mans gewonnen. Der andere Name hat in der Szene ebenfalls einen guten Ruf, fährt aber meistens (noch) außerhalb des ganz großen Rampenlichts: Robin Chrzanowski (30), Startnummer 69, ebenfalls ein Langstrecken-Kenner und auf dem Nürburgring in der Serie VLN ein Stammgast. Beide sind Langenfelder, beide sind nur ein paar Kilometer voneinander entfernt zu Hause und beide lieben die Nordschleife.

Wie passend: Beide werden bald auch auf einem Porsche über die 25,378 Kilometer lange Kombination aus Grüne Hölle genannter Nordschleife und Grand-Prix-Kurs rasen. Trotzdem sind sie irgendwie in zwei verschiedenen Welten unterwegs. Jörg Bergmeister fährt fürs Team Falken Motorsport in einem Porsche 911 GT 3 R um den Gesamtsieg mit. Am Steuer teilt er sich die Arbeit mit Dirk Werner (38), der wie Bergmeister Porsche-Werksfahrer ist, sowie mit den beiden Österreichern Martin Ragginger (31) und Klaus Bachler (27). Hier sitzen nur Profis hinter dem Steuer. Robin Chrzanowski fährt für sein eigenes Team, das unter dem Namen des Hauptsponsors „Clickvers.de Team“ einen Porsche 911 GT 3 Cup (MR) vorbereitet hat. Die Mitstreiter: Kersten Jodexnis (62) aus Hannover, der Berliner Peter Schelp (58) und der in Remscheid geborene Peter Scharmach (55), der heute in Neuseeland lebt. Es handelt sich bei Jodexnis und Schelp um Unternehmer mit einem ausgeprägten Hang zum Motorsport. Alle drei sind Nordschleifen-Experten: Jodexnis ist mit 22 Starts bei den 24 Stunden der Spitzrenreiter vor Scharmach (15), Schelp (14) und Chrzanowski, der mit sechs Teilnahmen fast wie ein Rookie daherkommt.

Gänsehaut-Gefühl: Die Fans feiern den Clickvers-Porsche von Robin Chrzanowski auf der Zielgeraden. Foto: Burkhard Kasan

Robin Chrzanowski hat im Abenteuer Nürburgring die Unterstützung der gesamten Familie, die seine Leidenschaft für den Motorsport teilt. Obwohl die Mannschaft inklusive der Mechaniker rund 20 Mitarbeiter umfasst, hat der Langenfelder seine Augen und Ohren fast überall – und zwischendurch trotzdem die Zeit für ein Gespräch. Mit der Qualifikationszeit von 8:40,637 Minuten ist er von Platz 38 aus ins Rennen gegangen – eine gute Basis, um den Sieg in der Klasse SP 7 ins Auge zu fassen. Chrzanowski gehört auch der Auftakt-Stint, in dem er mit 8:48,21 Minuten jene Zeit aufstellt, die bis zum Ende fast 23 Stunden später die schnellste bleiben soll. Der Clickvers-Porsche liegt zwischenzeitlich auf Rang 32 der Gesamtwertung und weiter auf Platz zwei in der Klasse. „Ein Klassensieg wäre schon gut“, sagt Chrzanowski, der gerade eben erst aus dem Porsche gestiegen ist und sofort mit der Analyse beginnt: „Schade, dass wir so früh Zeit verloren haben.“

Nachbarn: Jörg Bergmeister (links) und Robin Chrzanowski teilten sich am Nürburgring mit ihren Autos eine Box, in der auch noch drei weitere Teams untergebracht waren. Foto: Burkhard Kasan

Über die Menge an Arbeit beklagt er sich nicht, weil für ihn diese Portion Professionalität dazugehört, um den Motorsport auf hohem Niveau verfolgen zu können. Der 30-Jährige ist in diesem Punkt in erster Linie Sportler: „Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass wir hier nur mitfahren wollen.“ Dass seine relativ kleine Mannschaft besonders auf die Kosten achten und er immer wieder mit anpacken muss, habe zudem einen Vorteil: „Du weißt dann bei eben bei jeder einzelnen Schraube, dass du sie selber festgezogen hast. Dann weißt du, dass das Auto optimal vorbereitet ist. Das ist für die Fahrer wichtig.“

Porsche-Armada: Jörg Bergmeister (erste Reihe, Zweiter von links) und Robin Chrzanowski (dritte Reihe, rechts) waren in guter Gesellschaft. Foto: Porsche AG

Was etwas später in der Nacht passiert, ahnt Chrzanowski da noch nicht. Es ist ein Getriebeschaden, der alle an ihre Grenzen treibt – denn der Porsche strandet weit weg von der Box. Er muss erst neben der Strecke geparkt und über die Landstraße zurückgeschleppt werden. Rund zweieinhalb Stunden dauert es, bis das Auto wieder einsatzbereit ist. Hat denn keiner ans Aufgeben gedacht? „Nein“, antwortet ein Mechaniker, der die Frage gehört hat. Er scheint erstaunt zu sein, weil Aufhören im Wortschatz eines 24-Stunden-Fans offensichtlich nicht vorhanden ist. Als später der Motor ein Problem bekommt, wechseln sie bei Clickvers in den vorsichtigen Modus und regeln die Leistung etwas nach unten. Die Devise heißt ab jetzt nur noch: Wir wollen einfach die Zielflagge sehen.

Die Helden am Auto: Auch beim Clickvers-Porsche wären die Fahrer ohne ihre schraubenden Kollegen aufgeschmissen gewesen. Foto: Burkhard Kasan

Am Ende wird es Rang 74 und Platz sieben in der Klasse SP 7 – weniger als erhofft. „Unter diesen Umständen ist das in Ordnung“, findet Robin Chrzanowski. Er ist zusammen mit den anderen wieder an seine Grenzen gegangen, um das Abenteuer zu einem Happy End zu bringen. Alle sind müde und würden am liebsten die Nacht durchschlafen. Während der Grill vorbereitet ist und ein kaltes Bier zur Feier des Tages sein muss, beginnen die Aufräum-Arbeiten. Zu Hause wollen sie den Porsche intensiv begutachten, denn nach dem Rennen ist vor dem Rennen. An den Nürburgring kommen sie bei Clickvers schon in zwei Wochen wieder. Und die 24 Stunden? „Natürlich sind wir 2020 wieder dabei“, betont Chrzanowski.

Werksfahrer Jörg Bergmeister war mit klar höheren Ambitionen an den Nürburgring gekommen – und er ist nachher auch wesentlich enttäuschter. Das Qualifying, das er als Zuschauer erlebt, macht bereits wenig Spaß: „Wir sind zu langsam.“ Der Porsche 911 GT 3 R kann sich zwar fürs Top-Training der Besten qualifizieren, muss sich dort jedoch mit Rang 18 begnügen – über sechs Sekunden hinter der Spitze. Bergmeister hofft, dass sich davon im Rennen zumindest ein Teil gutmachen lässt. Doch die Hoffnungen des 43-Jährigen lösen sich bald in Luft auf. Ausgerechnet der von einem Reifenhersteller getragene Falken-Porsche erleidet einen Reifenschaden und die Lauffläche beschädigt einen ABS-Sensor. Folge: Eine Reparatur, die quälend lange dauert und fünf Runden Rückstand einbringt. Gerade einmal knapp fünf Stunden sind gefahren und Bergmeister weiß bereits, dass sein Rennen ab jetzt ein ganz anderes ist. Frust trifft die Gemütslage wohl am besten. Draußen ist es noch hell und die Nacht kommt erst.

Selbstredend versuchen sie bei Falken weiter alles, um wenigstens ein halbwegs brauchbares Resultat mitzunehmen. Das verlangen die Berufsehre und das Privileg, an den 24 Stunden auf dem Nürburgring teilnehmen zu dürfen. Durch die Nacht und am Vormittag spult der Falken-Porsche sein Programm ab. „Wir sind ein bisschen weitergekommen“, findet Bergmeister.

Rund 80 Minuten vor dem Ende muss er dann das nächste Mal schlucken, weil sich Teamkollege Bachler dreht, zweimal leicht die Leitplanke berührt und wieder zum Check die Box aufsuchen muss. Die nächste Reparaturpause kostet erneut Zeit, regt allerdings fast niemanden mehr richtig auf. Wenig später wird das Team auf dem enttäuschenden Rang 21. abgewunken. „Das Rennen ist sicher nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben“, erläutert Bergmeister, „alles andere als ein Platz unter den besten fünf ist uninteressant.“

Das alles wird ihn jedoch kaum davor bewahren, demnächst noch einmal dem Mythos Nürburgring zu folgen. Es wird definitiv wieder laut sein, wieder ziemlich verrückt und wieder ein großes Fest. Vielleicht können Jörg Bergmeister und Robin Chrzanowski dann sogar gemeinsam feiern. Zwei Langenfelder auf dem Nürburgring und dort in derselben Box: Das hat was.