Warum Laufen viel mit Philosophie zu tun hat

RP-Serie Ein Selbstversuch im Fitness-Studio (II) : Warum Laufen viel mit Philosophie zu tun hat

In den vergangenen Monaten ist einiges passiert. Der Traum vom Wettkampf über zehn Kilometer rückt jeden Tag ein bisschen näher.

Immer mehr drängt die große Frage nach vorne: Werde ich es schaffen? Für die, die nicht von Anfang an dabei waren und deshalb gar nicht wissen, um was es geht, ist zunächst die folgende kompakte Zusammenfassung gedacht. Alle, die meine „Karriere“ als Läufer seit den Anfängen im späten Frühjahr 2018 verfolgt haben, könnten ja jetzt direkt zum zweiten Absatz springen. Da sind wir dann wieder einigermaßen mitten in der Gegenwart. Damals bin ich mit meinem Ausdauer-Training nicht mehr glücklich und ich habe mich mit Kim Steinigans zusammengesetzt, meinem Trainer im Sportpark Landwehr. Wir haben kurzerhand alles auf null gesetzt. Seit diesen Tagen laufe ich mit Brustgurt und Computer am Handgelenk. Das Stichwort: Herzfrequenzgesteuertes Ausdauer-Training. Ich begebe mich in die Hand moderner Technik. Mein Ziel ist es von Anfang an, bis zum Ende dieses Jahres wieder vernünftig zehn Kilometer am Stück laufen zu können. Der Tag der Wahrheit ist der 31. Dezember. Dann werde ich meinen ganz persönlichen Silvesterlauf in Angriff nehmen.

Was ich nicht geahnt habe: Laufen hat viel mit Philosophie zu tun. Im Existenzialismus soll Langeweile ja als Grundzustand der menschlichen Existenz gelten. Auweia. Nicht zuletzt der Kollege Martin Heidegger hat sich da hervorgetan: Die tiefe Langeweile sei einem schweigenden Nebel vergleichbar, der alle Dinge in eine merkwürdige Gleichgültigkeit zusammenrücke. Das hört sich so an, als hätte er mich beim Laufen beobachtet – was nicht sein kann, weil Heidegger seit über 40 Jahren nicht mehr lebt. Aber er scheint eine innere Ahnung von dem gehabt zu haben, wie es ist, sich in etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit über das Laufband zu bewegen. Es ist langweilig. Es ist wie ein Nebel um mich herum. Schweigend ist wieder relativ, weil sie ein paar Meter weiter beim Spinning die Boxen auf laut gedreht haben.

Auf jeden Fall rücke ich irgendwann in eine merkwürdige Gleichgültigkeit. Ich halte die 40 Minuten, in denen ich mich nur im unteren Belastungsbereich bewegen darf, trotzdem durch. Und ich überlege kurz, meinen Trainer anzurufen, um zu protestieren. Dabei weiß ich doch, was er mir antworten wird: „Es muss sein. Das ist Grundlagen-Ausdauer und sie ist wichtig.“

Zugegeben: Ein Teil meines Problems ist hausgemacht, denn die Zeit des Draußen-Laufens ist seit ein paar Wochen vorbei. Mittlerweile erledige ich meine Hausaufgaben ja meistens auf dem Laufband im Sportpark Landwehr. Fünf Ausdauer-Termine und einmal Krafttraining verlangt mein Programm pro Woche von mir. Die ganz lange Einheit steht immer sonntags auf dem Programm – und ich habe sie inzwischen gestrichen. Eigentlich nur umprogrammiert. 90 Minuten im Schneckentempo? Ich schaffe das einfach nicht und beschließe, das anders zu machen.

Bei Terminen parke ich mein Auto immer ein Stück weiter weg. Die Brötchen morgens hole ich sowieso zu Fuß und ich habe sogar das Fahrrad stehen lassen und bin zu Fuß in die Stadt gegangen, um ein paar Dinge zu erledigen. Letztens stand ich mit einem Einkaufszettel im Supermarkt meines Vertrauens. Ich wollte tatsächlich prüfen, wie schnell ich den Zettel abarbeiten kann und wie meine Herzfrequenz auf den Parcours zwischen den Regalen hindurch reagiert. Ich bin sicher, dass es Spaß macht.

Die schöneren Erlebnisse kommen aber, wenn du draußen unterwegs bist. Vor einer paar Wochen war da der alte Mann, der mich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht antreibt: „Junger Mann, etwas mehr Tempo bitte.“ Dann habe ich es in dieser Woche tatsächlich noch einmal draußen probiert: Es war trocken, es war mild. Also beschließe ich, die Strecke bis zum Sportpark in der gebotenen Ruhe zu „laufen“ (war wieder einer jener Tage). Plötzlich bemerke ich, wie hundert Meter vor mir einer hektisch auf einen Bus zurennt und durch die geöffnete Tür eilig im Inneren verschwindet. Natürlich bleibe ich stehen. Hätte ja sein können, dass jemand Hilfe benötigt. Durch die Scheiben kann ich das fröhliche Lachen drinnen nur ahnen. Und wenig später kenne ich die ganze Geschichte. Der Mann hatte seine Geldbörse im Bus verloren. Der Fahrer hatte angehalten. Und eine Gruppe von Kindergarten-Kindern findet das gute Stück zwischen den Sitzen. Der Mann klatscht die beiden Erzieherinnen ab und verabschiedet sich glücklich. Laufen bildet, denke ich mir.

Der norwegischer Hersteller meiner Laufuhr bestimmt nicht, dass ich mich in eisiger Polarluft betätigen muss. Dafür zeichnet er jede Einheit unbestechlich auf. Und ich kann am großen Rechner überprüfen, ob es Fortschritte gab. Die Antwort ist eindeutig. Ja. Und ob. Wenn wir den untertourigen Bereich weglassen und uns dem zuwenden, was mit dem Begriff Laufen zu tun hat, bin ich fast von mir selbst begeistert. Die Verbesserung der Ausdauer ist sichtbar, inzwischen sehr deutlich sogar. Ich erreiche die mittlere und die zweithöchste Belastungsgrenze viel später als früher. Und ich kann mich inzwischen sogar in die rote Region trauen, die der höchsten Intensität entspricht.

Bunte Diagramme zeigen mir später an, wie alles einzuordnen ist. Die Skala reicht von leicht über angemessen, fordernd und sehr fordernd bis extrem fordernd. Ein Beispiel: Nach einem 45-Minuten-Intervall im August rutsche ich in den extremen Bereich. Drei Monate später ist daraus eine angemessene Betätigung geworden.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe einen Traum auch für „meine“ zehn Kilometer. Über die Marke, die vorläufig geheim bleiben soll, wird sich jeder ambitionierte Hobbyläufer höchstens amüsieren. Und mir fehlt die Fantasie dafür, dass jemand einen Marathon über 42 Kilometer in wenig mehr als zwei Stunden schaffen will. Mein Marathon ist kürzer und die Zeit, die ich mir dafür gebe, ist länger. Mein Trainer Kim versteht im Übrigen nicht, warum ich so grüble: „Ich bin sehr zufrieden damit, wie du das macht. Das passt alles. Und ich finde es großartig, dass wir diesen Weg zusammen gehen.“

Ganz nebenbei: Kim ist 24 und er ist nicht nur Trainer im Sportpark, sondern auch Fußballer. Kim spielt für den Bezirksligisten TSV Aufderhöhe, mit dem er vor einem Jahr den Aufstieg und dann am Ende einer Zittersaison im Nachsitzen den Klassenerhalt schaffte. Das war Anfang Juni. Inzwischen hält sich der TSV als Zehnter im Mittelfeld auf – Tendenz steigend. Ich drücke ihm die Daumen, dass der Trend anhält. Und mir selbst nebenbei auch. Im Moment denke ich, dass ich es schaffen werde. Ich ziehe es auf jeden Fall durch. Versprochen.

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