Lokalsport: Verkorkste Hinrunde: Bayer hat ein bisschen Ruhe

Lokalsport : Verkorkste Hinrunde: Bayer hat ein bisschen Ruhe

Der Mann des Abends aus Leverkusener Sicht war nach dem Spiel nicht in Redelaune. Man könnte auch sagen, er hat - wie vor dem Derby in Köln von seinem Trainer gefordert - die Antwort auf dem Platz gegeben. Und zwar auf die Frage, ob noch Leben in der Werkself steckt. Nach zuletzt erschreckend blutleeren Auftritten gegen Freiburg, Schalke und Ingolstadt zeigte Bayer beim Erzrivalen eine engagierte Leistung - was in einem Derby der Fußball-Bundesliga selbstverständlich sein sollte.

Wendell war kurz vor der Halbzeit das verdiente 1:1 erzielt, nachdem Kölns Torjäger Anthony Modeste sein Team früh in Führung gebracht hatte. Über 90 Minuten war der Brasilianer ein ständiger Aktivposten. Es war ihm anzumerken, dass er zu einem versöhnlichen Jahresausklang beitragen wollte. Das ändert allerdings nichts daran, dass der Punkt die grundsätzliche Misere nicht behebt: Bayer hat zu wenige Zähler und hinkt in der Liga (Platz neun, 21 Punkte) nach wie vor den eigenen Ansprüchen weit hinterher.

"Ich habe ein gutes Spiel gesehen", sagte Geschäftsführer Michael Schade. Kämpferisch und spielerisch sei das eine absolute Leistungssteigerung" gewesen: "Im nächsten Jahr müssen wir aber extrem zulegen, um unsere Ziele nicht aus den Augen zu verlieren." Um Roger Schmidt, betonte Schade, habe es nur in den Medien Diskussionen gegeben. Nach der Leistung in Köln könne er dem Trainer nichts vorwerfen: "Die Mannschaft war hervorragend eingestellt."

Er setze nun auf die Winterpause und das Trainingslager in Orlando (Florida), das am 3. Januar beginne. "Da werden wir einiges aufarbeiten - und in der Rückrunde durchstarten", sagt der Geschäftsführer optimistisch. Ob es einen Plan B gebe oder der Trainermarkt bereits sondiert wurde, ließ Schade offen: "Welche Pläne wir haben, werde ich nicht öffentlich erzählen." Sportchef Rudi Völler äußerte sich in dieser Hinsicht ähnlich: "Wir sind überzeugt, dass wir mit unserem Trainer in der Rückrunde erfolgreich sein können." Von blindem Aktionismus halte er nicht viel.

Ist jetzt also alles gut unter dem Bayer-Kreuz? Eher nicht. Hakan Calhanoglu, neben Wendell, Ömer Toprak, Bernd Leno und Julian Brandt bester Mann gegen Köln, sagte nach der Partie Worte, die aufhorchen ließen. Im neuen Jahr, betonte er, müsse jeder voll mitziehen. Nur so könne das System von Roger Schmidt funktionieren. "Wir wissen, dass wir es besser können", betonte Calhanoglu. Das lässt sich als Kritik an einigen Teamkollegen deuten.

Ob Schmidt Mannschaft noch komplett hinter sich hat, ist ungewiss. Dafür gab es zu viele Ungereimtheiten: Die Entlassung seines bei den Spielern dem Vernehmen nach unbeliebten Athletiktrainers Oliver Bartlett bedauerte Schmidt öffentlich. Hinzu kam die unverhohlene Kritik an der Pressearbeit des Vereins nach der Falschmeldung zu Kevin Kampls Verletzung, die sich als doch nicht so schlimm entpuppte. Außerdem erklärte der 49-Jährige die verkorkste Hinrunde mit einem "totalen Umbruch" des Kaders seit dem Amtsantritt 2014.

Das ist bemerkenswert. Vor der Saison war im Umfeld der Werkself vom stärksten Kader seit vielen Jahren die Rede - gespickt mit Nationalspielern. Der Stolz, keinen Leistungsträger verloren zu haben, war unüberhörbar. Das gilt nun ebenso für die Widersprüche und Dissonanzen. Für Schmidt und sein Team gibt es in der kurzen Winterpause viel zu tun. Nach dem Trainingslager folgen die Spiele gegen Berlin (22. Januar) und Mönchengladbach (28. Januar). Sollte der Start in die Rückrunde misslingen, wird sich wohl schnell zeigen, ob und welchen Plan B die Verantwortlichen haben. Bis dahin herrscht ein bisschen Ruhe - vorerst.

(RP)
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