Lokalsport: Über Hitdorf auf die ganz große Football-Bühne

Lokalsport : Über Hitdorf auf die ganz große Football-Bühne

Equanimeous St. Brown steht kurz davor, in der NFL durchzustarten. Seine Kindheit verbrachte er auch in Hitdorf, wo das Geburtshaus seiner Mutter steht.

Wenn in der Nacht von Sonntag auf Montag deutscher Zeit in Houston der Superbowl steigt, dann wird auch Familie St. Brown vor dem Fernseher kleben. Der älteste Sohn Equanimeous wird beim Endspiel der amerikanischen Profi-Liga im American Football vor allem Augen für Julio Jones von den Atlanta Falcons haben. Er ist einer der Lieblingsspieler des Deutsch-Amerikaners. Wie Jones spielt auch "EQ" als Wide Receiver (Passempfänger). Wenn alles nach Plan läuft, könnten sich das Talent und sein Vorbild schon Ende des kommenden Jahres auf dem Spielfeld begegnen.

Der älteste Spross der St. Brown-Familie hat beste Chancen, den Sprung in die NFL zu schaffen. Wenn das gelingt, wird auch in Leverkusen gejubelt - vor allem im Stadtteil Hitdorf und ganz besonders laut rund um die Flurstraße. Dort steht das Elternhaus von Mutter Miriam Steyer und dort haben "EQ" und seine Brüder in der Kindheit und frühen Jugend jedes Jahr im Sommer zwei bis drei Monate ihrer Ferien bei den (inzwischen verstorbenen) Großeltern verbracht.

"Ich habe viele tolle Erinnerungen an Leverkusen", sagt der Football-Profi in spe. Baden am Hitdorfer See, Ausflüge ins Mona Mare in Monheim, Radtouren am Rhein, die Kindersitzung in der Stadthalle und die Zeit im Kindergarten Rheinpiraten fallen im auf Anhieb ein - ebenso, wie Teilnahmen an der Fußballschule von Bayer 04 oder beim Training des SC Hitdorf. Auch die vielen Stunden mit Leverkusener Freunden - etwa auf dem großen Klettergerüst, dass der Großvater im Sommer stets aufgebaut hatte - sind prägende Erinnerungen.

Nach dem Tod der Großeltern und vor allem durch die viele Zeit, die seine Karriere im American Football erfordert hat, seien die Besuche seit einigen Jahren zwar weniger geworden, "aber über die sozialen Medien halte ich immer noch Kontakt zu meinen Freunden in Deutschland", betont der junge Mann, dessen voller Name Equanimeous Tristan Imhotep St. Brown lautet. Einige Leverkusener haben ihn auch schon in den Vereinigten Staaten besucht. Zwei davon hatten sogar die Chance, ihren Freund aus Kindertagen im Einsatz zu sehen - bei einem Spiel seines Teams Notre Dame beim Boston College.

Den nächsten Trip an den Rhein plant "EQ" in den kommenden Sommerferien. Im Frühjahr gibt es zwar auch eine Unterbrechung, aber den "Spring Break" haben die Verantwortlichen des berühmten Colleges ihrem Team gestrichen. Zu bitter war aus Sicht aller Beteiligten die aktuelle Saison. In der haben die Footballer von Notre Dame die Playoffs verpasst. Und so etwas wird bei den "Fighting Irish" - so wird das Team der Talentschmiede in Indiana genannt - nicht auf die leichte Schulter genommen.

An der Leistung von "EQ" hat es nicht gelegen, dass die Ausscheidungsrunde verpasst wurde. Darin sind sich die Experten einig. Nicht umsonst wurde der Receiver mit den Wurzeln in Hitdorf zum besten Offensivspieler seines Teams gewählt. Trotz seiner Größe von 1,95 Meter ist "EQ" pfeilschnell, läuft gute Passwege und hat "sichere Hände" - gilt also als ziemlich guter Fänger. In seinem zweiten College-Jahr gelangen ihm neun Touchdowns und ein erzielter Raumgewinn von mehr als 950 Yards - eine starke Quote.

Nächste Saison will "EQ" noch eine Schippe drauflegen. Dann soll es auch mit dem Biletnikoff-Award klappen, mit dem der beste College-Receiver der Saison ausgezeichnet wird. Nominiert war er bereits. Die Nummer 6 der Fighting Irish weiß, was sie will - ist allerdings weit davon entfernt, ein Aufschneider zu sein. Angeben ist nicht die Art des zurückhaltenden Mannes, der abseits des Feldes seinen Vornamen alle Ehre macht, der von einem Verb abgeleitet ist, das für Ausgleich oder Balance steht. Fachleute aus dem American Football trauen ihm den Durchbruch zu.

Durch mehrere spektakuläre Aktionen kennen den jungen Deutsch-Amerikaner inzwischen schon viele Fans nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Für Furore sorgten dabei vor allem zwei spektakuläre Touchdowns: Einmal gelangte er mit einem Salto in die Endzone, ein anderes Mal sogar mit einem sehenswerten einarmigen Handstand-Überschlag. "Ich habe gar nicht groß nachgedacht. Ich wusste nur, dass ich in der Endzone bin", erinnert er sich an diese sehenswerte Szene. Die Videos seiner Glanztaten haben in den bekannten Portalen im Netz schnell die Runde gemacht und für hohe Klickzahlen gesorgt.

Natürlich gehört trotz vielversprechender Anlagen auch eine ordentliche Portion Glück dazu, um der vielversprechenden Karriere als College-Spieler eine Laufbahn als Profi in der NFL folgen zu lassen. Aber "EQ" ist denkbar nah dran. Deshalb ist nach aktuellem Stand auch geplant, dass er schon 2018 (also ein Jahr vor dem eigentlichen Termin für den Abschluss) in den Draft geht. So heißt das jährliche Auswahlverfahren, in dem sich die Profi-Teams der NFL die vielversprechendsten Talente aussuchen können. Wenn er von schweren Verletzungen verschont bleibt und weiter stark spielt, wird sogar damit gerechnet, dass er schon in der ersten Runde ausgewählt wird. Das gilt als Zeichen, dass das neue Team dem Talent eine Karriere im Rampenlicht zutraut.

"EQ" wäre freilich nicht der erste (Halb-)Deutsche in der NFL. Anders als die bisherigen Profis aus Deutschland spielt er aber auf einer der zentralen Positionen in der Offensive. Wenn der große Traum des 20-Jährigen wahr wird, könnten seine Touchdowns dem Football-Sport auch in der Heimat seiner Mutter in einigen Jahren zu einem Boom verhelfen - wie Dirk Nowitzkis Körbe in der NBA dem Basketball. Und mit den jüngeren Brüdern Amon-Ra und Osiris kommen ja noch zwei weitere Wide Receiver aus dem St. Browns-Clan nach, die als mindestens ebenso talentiert gelten (siehe Info-Kasten).

Wer weiß: Vielleicht steht einer aus dem Trio eines Tages selbst im Superbowl. Diesmal müssen sie sich aber noch mit der Rolle des Zuschauers begnügen .

(RP)
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