Mit Gänsehaut über den Heartbreak Hill

Laufen : Mit Gänsehaut über den Heartbreak Hill

Für den Langenfelder Mario Beckermann ist Laufen auch eine Art Gesundheits-Programm. Pro Jahr darf es auch ein Marathon sein.

So sieht also einer aus, der tiefenentspannt ist. Das muss mit seiner Leidenschaft fürs Laufen zu tun haben, die ich bis zu einem gewissen Punkt teile. Außerdem sind wir beide im selben Alter (62) und wir müssen eigentlich niemandem mehr beweisen, wie schnell wir durch die Gegend rennen können. Rein sportlich trennen uns sowieso Welten. Während Mario Beckermann die ganz langen Distanzen bevorzugt, begnüge ich mich mit Strecken bis zehn Kilometer. Es ist immer noch die Fortsetzung des herzfrequenzgesteuerten Ausdauer-Trainings, das ich vor einem Jahr im Sportpark Landwehr mit meinem Trainer Kim Steinigans begonnen habe. Ich bin zufrieden, wie sich die Dinge entwickeln. Und irgendwie beneide ich Mario, dessen bislang letztes Groß-Ereignis der Boston-Marathon war. Wie er davon erzählt, erzeugt Gänsehaut.

Bereits das Hinkommen war eine schweißtreibende Angelegenheit – weil die geforderte Norm für einen Regel-Startplatz happig ist. Bei den Männer der Altersklasse 18 bis 34 Jahre lag sie zum Beispiel bei 3:05 Stunden, bei Männern von 60 bis 64 Jahren bei 3:55 Stunden. Die andere Möglichkeit: Man wende sich an einen Reiseveranstalter und nehme so an einer Startplatz-Verlosung teil. Mario Beckermann hatte tatsächlich Glück und konnte sich damit konzentriert auf Boston vorbereiten – der aufgrund seiner Strecken-Gestaltung durchaus tückisch sein kann. Äußerst haarig ist der „Heartbreak Hill“ ein paar Meilen vor dem Ziel. Es handelt sich um einen besonders hügeligen Abschnitt und er erwischt die Läufer zu einem Zeitpunkt, als sie den Marathon am liebsten auf der Stelle beenden möchten. „Das war ganz schön schwierig“, erzählt Mario Beckermann, „und es war an diesem Tag auch noch ganz schön warm.“

Das monatelange Training vorher mit kürzeren und längeren Läufen, mit Intervall- und Kraft-Training macht sich jetzt bezahlt. Der Langenfelder weiß durch seine Zwischen-Ergebnisse und seine Erfahrung, dass er die ursprünglich mal angepeilte Marke von 4:30 Stunden nicht schaffen wird. Wie es bei den großen Cityläufen dieser Welt längst üblich ist, wird jede Zwischenzeit an vielen Mess-Stellen festgehalten: 30:48, 32:44, 32:58 und 33:56 Minuten für die Abschnitte bis zu Kilometer fünf, 10, 15 und 20, ehe nach 2:17,38 Stunden die Hälfte geschafft ist. Es folgen die beiden heftigsten Teilstücke – mit 39:14 Minuten von Kilometer 30 und mit 39:23 Minuten bis Kilometer 35. Beckermann bewältigt unter anderem den „Heartbreak Hill“ und wird Richtung Ziel wieder schneller. Die Netto-Zeitmessung zeigt ihm dann 4:57,38 Stunden. Er ist damit immerhin unter der Fünf-Stunden-Marke geblieben.

Purer Stolz: Mario Beckermann, Läufer aus Leidenschaft, hat gerade die Finisher-Medaille beim Boston-Marathon entgegengenommen. Foto: MB

Mit nach Hause nimmt er den Stolz darüber, ein Finisher zu sein und es mal wieder geschafft zu haben. Viele bunte Eindrücke sind auch im Koffer und besonders gut in Erinnerung unter anderem die Schülerinnen aus einem Mädchen-College, die ihn vom Rand aus mit einer Forderung der besonderen Art anfeuerten: „Kiss me, kiss me.“ Mario Beckermann hat natürlich darauf verzichtet. Vielleicht hätte er sonst die Fünf-Stunden-Grenze nicht unterboten. Dass der Boston-Marathon längst eine Mischung aus Sport und Volkfest ist, zeigen die Menschen an der Strecke auf dem letzten Stück noch einmal auf beeindruckende Art. Der Geruch zahlreicher Grills und die Anfeuerung treiben die Läufer mit einer Gänsehaut über die Ziellinie.

Mario Beckermann wird zwei Dinge auf jeden Fall weiter in sein Leben einbauen. Seit 2004 und seinem ersten Marathon in Düsseldorf hat er einige Metropolen besucht und sich vorgenommen, einmal pro Jahr die 42,195 Kilometer zu laufen. Großartiges war schon dabei – wie New York oder jetzt Boston. Großartiges könnte auch noch kommen – wie London oder Japan, wo Tokio in der Läufer-Szene als extrem attraktiv gilt. Eine Entscheidung darüber, welchem Lockruf er nachgibt, hat Beckermann bisher nicht getroffen. Vom Laufen kann er – unabhängig davon, wohin es ihn demnächst zieht – aber auf keinen Fall lassen: „Das ist für mich auch ein Gesundheits-Programm.“

Weil er von der Sache überzeugt ist, hat er seit einiger Zeit den Übungsleiter-Schein und leitet eine Läufer-Gruppe. Seine Frage überrascht mich trotzdem: „Lass uns doch mal zusammen laufen.“ Du sollst nie nie sagen, denke ich – und verzichte im Moment trotzdem. Wir sind in verschiedenen Welten unterwegs. Noch. Vielleicht kann ich ja aufholen. Wir haben immerhin beide eine Leidenschaft fürs Laufen. Und wir müssen niemandem mehr beweisen, wie schnell wir rennen können – außer uns selbst.

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