Monheim: Souveräner Zauderer

Monheim : Souveräner Zauderer

Analyse Sein Sieg war eine Sensation. 100 Tage nach Amtsantritt ist Bürgermeister Daniel Zimmermann (27) im Tagesgeschäft angekommen. Sein Auftreten überzeugt, sein politischer Markenkern bleibt dagegen unklar.

Party pur für ein Wirklichkeit gewordenes Politikmärchen – die Nacht zum 31. August 2009 wird Daniel Zimmermann (27) sein Leben lang nicht vergessen. In die Luft haben sie ihn geworfen, mit Sektkaskaden wurde er aufs neue Amt getauft: der blutjunge Bürgermeister der Alten Freiheit am Rhein. Der jüngste seiner Zunft in NRW, ein Parteigründer ("Peto" = Ich fordere), der es an den Etablierten vorbei auf dem selbst kreierten Ticket bis ganz nach oben schaffte. Ein paar Wochen durfte der Lehramtsabsolvent für Physik und Französisch den Erfolg einfach nur genießen. Vor 100 Tagen wurde es dann ernst: Von Mikrofonen und Kameras umzingelt nahm das republikweit analysierte Polit-Phänomen auf dem Chef-Sessel im Monheimer Rathaus Platz. "Der kann nur gewinnen, weil er's einfach drauf hat", sagte ein gestandener Handwerksmeister, als der fast schlacksig wirkende Blondschopf an seinem ersten Arbeitstag auf dem Markt die Hände "seiner" Bürger schüttelte.

Einfach nur gewinnen? Ganz so einfach ist die Wirklichkeit dann doch nicht. Der stets überlegt, dabei gänzlich unprätentiös auftretende Ex-Doktorand, der auch einen "coolen" Lehrer oder Hochschul-Assistenten abgeben würde, hat vieles richtig, manches aber auch falsch gemacht.

STÄRKEN Das entscheidende Pfund, mit dem Zimmermann erfolgreich wuchert, ist sein unverstellter, ehrlicher und deshalb glaubwürdiger Umgang mit Menschen. Ein neuer Stil, der vor allem den Kritikern von Zimmermanns Vorgänger gefällt. Der habe – so die Überzeugung dieser Menschen – mit einer durchaus spürbaren Überlegenheitsattitüde immer auch die Schwächen seines Gegenübers abgespeichert, um sie bei Bedarf strategisch und taktisch für sich zu (be-)nutzen. Genau das hat der charismatische Kopf der Peto bislang strikt vermieden. Er schätzt den Dialog, scheut keine Mühen und keinen Zeitaufwand, wenn's – wie beim Sportstätten-Konzept in Zeiten des Nothaushaltes – um das Bohren ganz dicker Bretter geht. Ein moderierender Stil, der die Faust auf dem Tisch vermeidet. Selbstgewisse, gar eitle Macher- und Macho-Attitüden, sind dem Holland-Rad fahrenden und Minztee statt Kaffee trinkenden Jung-Akademiker fremd. Und das nicht bloß, weil sie ohnehin nicht zu seinem (beinahe noch) jugendlichen Alter passen würden.

Souverän und unverkrampft wirkten bislang auch die meisten von Zimmermanns öffentlichen Auftritten. Auch hier setzt der einstige Schüler des Otto-Hahn-Gymnasiums strikt auf Nähe. Urkunden für den erfolgreichen Nachwuchs bei der Sportgemeinschaft Monheim übergab er selbst. Auch für einen zwanglosen Besuch des Baumberger Jugendclubs ist er sich – trotz eines in diesen Tagen randvollen Terminkalenders – nicht zu schade.

SCHWÄCHEN Zwei seiner Stärken, die hohe Kunst des Moderierens und eine gewisse – bisweilen leicht distanziert wirkende – Bescheidenheit, sind gleichzeitig auch seine Schwäche. Endgültig offenbar geworden bei der Einbringung des desaströsen Monheimer Haushalts 2010. Niemand hat von ihm erwartet, dass er als Newcomer in seinem Studenten-Appartement am Marienburg-Park – möglichst in Nachtsitzungen und im Alleingang – ein Sanierungskonzept für Monheims Finanz-Kollaps herbeizaubert. Wohl aber durfte man, bei aller Rücksicht auf sein Lebensalter, erwarten, dass er die Verwaltungsspitze, namentlich den Beigeordneten Roland Liebermann und den Kämmerer Max Herrmann, stärker in die Pflicht nimmt. Die mögen zwar von ihrem alten Boss gewohnt sein, dass alles tatsächlich oder vermeintlich Wichtige im Zweifel "Chefsache" ist. Doch der im vergangenen Jahr spürbaren Erleichterung darüber, wieder mehr eigene Spielräume zu haben und nicht mehr ganz so eng geführt zu werden, hätten gerade die beiden kommunalen Spitzen-Beamten aus dem Verwaltungsvorstand im konkreten Fall Taten folgen lassen müssen. Die Vorlage eines auf Seiten des Rathauses vorgedachten und grob vorgeplanten Sparpakets (besser noch: Sanierungskonzepts) war zwingend. Der in dieser Woche blauäugig verkündete Verzicht darauf eine Steilvorlage für alle Ratspolitiker außerhalb der Peto.

Und doch ist der Patzer kein Zufall: Denn die bislang nicht erkennbare Blaupause für das Monheim des Jahres 2015, der fehlende "Masterplan Monheim", die nicht nach außen kommunizierte (weil nicht vorhandene?) Vision für die eigene Amtszeit müssen irritieren. Der kaum vorhandene Gestaltungsspielraum in Zeiten ungebremster Verschuldung kann nicht als Persil-Schein für alles herhalten. Klamme Kassen, das gab's auch schon bei Thomas Dünchheim. Dennoch platzte der Mann vor Ideen und Initiative. Manches verpuffte, manches erinnerte an vorschnelle, am Ende nicht belastbare Schaumschlägerei. Doch von manchem wird die Stadt noch lange profitieren. Der Bogen reicht vom Rheinpark mitsamt Monberg-Gastronomie bis hin zum bald kommenden Rathaus-Center III.

STRATEGIEN Will Zimmermann nicht Gefahr laufen, in ein paar Monaten als ideenarm und führungsschwach zu gelten, muss er Dinge wie das Ulla-Hahn-Haus, die Hauptstadt des Kindes, das Freizeit-Konzept für den Rheinbogen, die verbesserte Anbindung und weitere Belebung der Altstadt, den ersten von ihm selbst geworbenen Gewerbebetrieb zu einer Vision seiner Amtszeit verschmelzen und das so Verdichtete in einem repräsentativen Rahmen – ganz unbescheiden und öffentlichkeitswirksam – kommunizieren. Politik, die als erfolgreich gelten will, braucht solche Rituale. Das kann, das sollte der jüngste Bürgermeister Nordrhein-Westfalens rasch lernen.

Aus dem kokett-utopisch gemeinten Post-68er-Spruch "Jugend an die Macht" wurde in Monheim im Jahr 2009 ein ganz reales "Jugend an der Macht". Daran, dass diese Sensation nicht allzu rasch schal schmeckt, sollte Daniel Zimmermann in den kommenden 265 Tagen seines ersten Amtsjahres hart arbeiten. Den Spaß am neuen Amt muss er sich deshalb nicht nehmen lassen.

(RP)