1. NRW
  2. Städte
  3. Langenfeld

Interview mit Maria Seibel-van Dijk: So lernt Langenfeld Niederländisch

Interview mit Maria Seibel-van Dijk : So lernt Langenfeld Niederländisch

Ihre erste Sprache, die sie in Deutschland kennenlernte, war Schwäbisch. Deutsch hatte sie schon in der Schule in ihrer Heimat gelernt. Maria Seibel-van Dijk (55), seit 32 Jahren in Deutschland und seit 16 Jahren in Langenfeld, ist als Niederländisch-Dozentin so etwas wie eine Idealbesetzung.

Frau Seibel-van Dijk, welche Wörter sollte man auf jeden Fall können, wenn man sich in den Niederlanden durchschlagen will?
Seibel-van Dijk Oh, das ist gar keine einfache Frage, denn das kommt natürlich auf die jeweilige Situation an. Die Zauberwörter gehören sicher dazu: "alstublieft" (gesprochen: alstühblieft; bedeutet "bitte") und "dankuwel" (dankühwell; "danke").

Und wie ist es mit dem "Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?"
Seibel-van Dijk Ohne bestimmte Anrede klingt das für Niederländer immer etwas unhöflich. Man spricht eine unbekannte Dame mit "mevrouw" (mefrau), einen unbekannten Herrn mit "meneer" (menehr) an. Man sagt also: "Pardon mevrouw/meneer, mag ik u iets vragen? (mach ick üh iets fraache).

Moment, nicht so schnell, bitte . . .
Seibel-van Dijk . . . Das ist natürlich auch ein sehr wertvoller Einwurf. Am besten als Frage: "Kunt u wat langzamer spreken?" (könnt üh watt langsamer ßpreke). Wichtig ist daher auch der Satz "Ik spreek (nog) niet zo goed Nederlands" (ick ßpreek (noch) niet so chutt Nederlands), gefolgt von: "Spreekt u misschien een beetje Duits?" (ßpreekt üh mißchien önn beetje Deuitß; "Sprechen Sie vielleicht ein bisschen Deutsch?").

  • Mit der Gulaschkanone, die sonst auf
    Fluthelfer : Mit der Gulasch-Kanone an die Ahr
  • Sabine Brauers betreut die Ehrenamtbörse und
    Ehrenamtliche : NRW-Initiative unterstützt  Vereine bei Veranstaltungen
  • Die Anwohner der Locher Wiesen versammeln
    Nach dem Unwetter : Reusrather fordern bessere Kanäle

Oh, das geht ja flott. Was kann man denn, wenn man Ihren "Schnupperkurs für den Urlaub" hinter sich hat?
Seibel-van Dijk Ehrlich gesagt . . . noch nicht so viel. Der Titel sagt es schon aus: Man "schnuppert" etwas von der Sprache.

Und wie viel ist das?
Seibel-van Dijk Man lernt auf jeden Fall die Aussprache, sodass man die einzelne Wörter nicht nur lesen, sondern auch richtig aussprechen kann — und so im Restaurant zum Beispiel "Chruhntesup" bestellen kann statt "Gröntesöp", nur weil auf der Karte "groentesoep" steht. Das bedeutet übrigens "Gemüsesuppe". Außerdem lernen die Schnupperkursler einige Standardsätze für bestimmte Situationen, wie etwa "an der Hotelrezeption", "auf dem Wochenmarkt" oder "beim Shoppen". Das wird dann in kleinen Dialogen geübt.

Und eigene Sätze?
Seibel-van Dijk Schwierig. Dafür bräuchte man ja auch Grammatikkenntnisse. Und für die fehlt es einfach an Zeit, denn der Schnupperkurs dauert nur 10, höchstens 15 Unterrichtsstunden. Darf man eigentlich auch "Ohne Holland fahr'n wir zur EM" singen? Seibel-van Dijk Aus niederländischer Sicht ist das natürlich streng verboten . . .

. . . ich meine das "Holland" . . .
Seibel-van Dijk Das lässt sich ein bisschen vergleichen mit Großbritannien und England. Man sagt auch oft England, obwohl man Großbritannien meint, wovon England nur ein Teil ist. Holland war früher das, was — grob — heute die Provinzen Nordholland und Südholland umfasst. Und man darf eigentlich nur "Holländisch" sagen, wenn man die Dialekte meint, die in diesen Provinzen gesprochen werden. Andere Dialekte sind zum Beispiel "Gronings" oder "Zeeuws".

Und Friesisch?
Seibel-van Dijk Friesisch, oder besser gesagt: Frysk, ist kein Dialekt, sondern in der Provinz Friesland (Fryslân) neben dem Niederländischen die zweite Amtssprache! Auch "Limburgs" in der Provinz Limburg, direkt an der Grenze zu NRW, ist eine von der EU anerkannte Minderheitssprache, also ebenfalls kein Dialekt.

Ich selbst hatte noch nicht eine Stunde Niederländisch. Dennoch kann ich lesend deutlich mehr Wörter verstehen als bei anderen Fremdsprachen, die ich nicht beherrsche. Wie kommt's?
Seibel-van Dijk Na, weil Deutsch und Niederländisch so eng verwandt sind. Beide zählen zu den westgermanischen Sprachen, wozu unter anderem auch Englisch, Luxemburgisch, Afrikaans und Friesisch gehören. Sowohl die west- als auch die nordgermanischen Sprachen wie Schwedisch, Dänisch oder Norwegisch sind ein Zweig der indogermanischen Sprachfamilie. Somit sind diese Sprachen miteinander verwandt wie Cousin und Cousine. Lesend verstehe ich einzelne Wörter in Niederländisch. Höre ich aber den NL-Klassiksender Radio 4, verstehe ich — bis auf die anmoderierten deutschen Original-Titel von Bach oder Beethoven — nur Bahnhof.

Wie kommt das?
Seibel-Van Dijk Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: Der Moderator spricht Niederländisch — und wahrscheinlich nicht gerade langsam! Sie sagen, dass Sie selbst noch nie eine Unterrichtsstunde Niederländisch gehabt hätten. Sie lesen also die niederländischen Wörter mit deutscher Aussprache. Zum Beispiel: "hij kijkt naar buiten". Da lesen Sie garantiert sowas Ähnliches wie "hie kieckt nahr bühten" und können, wenn Sie im Rheinland (und nicht in Hessen, Bayern oder sonstwo im südlichen Deutschland) aufgewachsen sind, diesen Satz übersetzen mit: "Er guckt raus".

Jetzt, wo Sie es sagen . . .
Seibel-van Dijk Und das ist auch die richtige Übersetzung! Im Niederländischen werden aber das "ij" wie "äi" und das "ui" wie das "eui" im französischen Wort "fauteuil" ausgesprochen. Außerdem werden in der gesprochenen Sprache oft Endungen verschluckt, sodass der niederländische Moderator oben genannten Beispielsatz folgendermaßen zum Besten geben wird "häi käickt nah beuite".

Manchmal kommt es einem so vor, als falle es den Niederländern leichter, Deutsch zu lernen, als umgekehrt. Stimmt der Eindruck?
Seibel-van Dijk Nein, im Gegenteil. So ist die deutsche Sprache auch für mich — obwohl ich hier schon über 30 Jahre lebe — eine schwere Sprache. Sie hat viele Regeln und vielleicht noch mehr Regelausnahmen. Alleine schon die — nach niederländischen Maßstäben — vielen verschiedenen Artikeln ist für viele Niederländer eine verwirrende Sache. Der, die, das, dessen, dem, den — wann benutzt man was???

Aber Ihre Landsleute haben doch Deutsch in der Schule . . .
Seibel-van Dijk Das schon. Aber vermutlich gerade weil Deutsch so schwer ist, wählen es viele niederländische Schüler nach den ein bis zwei Pflichtjahren in der weiterführenden Schule nicht als Examensfach. Die meisten Niederländer belassen es also bei den mageren Grundkenntnissen.

Dafür plaudern sie aber oft locker drauf los.
Seibel-van Dijk Ja, Niederländer sind im allgemeinen ziemlich locker, wenn's ums Sprechen einer Fremdsprache geht. Sie reden los, egal ob das alles richtig ist oder nicht. Da kommen dann Sätze raus wie die, die neulich in einer großen niederländischen Zeitung standen, als Karikatur, in Bezug auf den Langlaufunfall der Kanzlerin: "Ich bin gefällen mit langlaufen! Und jetzt ist meine becken gebrochen!". Und wenn Niederländer in diesem sogenannten "steinkolen-Deutsch" locker-flockig drauflosreden, wecken sie möglicherweise den Anschein, dass die deutsche Sprache für sie leicht zu lernen ist.

Kommen wir zu den Langenfeldern: Was sind das für Leute, die bei Ihnen Niederländisch lernen?
Seibel-van Dijk Die meisten Teilnehmer meiner Kurse haben irgendein Bezug zu den Niederlanden. Einige besitzen ein zweites Haus dort oder ein Boot. Oder sie haben einen festen Platz auf einem niederländischen Campingplatz, sind Urlaubsstammgäste oder haben Verwandten, Freunde oder Bekannte in den Niederlanden. Manche haben auch erwachsene Kinder, die einen niederländischen Partner haben. Wenn dann die oft zweisprachig aufwachsenden Enkelkinder da sind, möchten die Großeltern zumindest die Grundkenntnisse der anderen Sprache erlernen.

Wird in Ihren VHS-Kursen nur gepaukt, oder geht es auch unterhaltsam zu?
Seibel-van Dijk Gepaukt werden höchstens die Vokabeln, aber auch das bleibt jedem Kursteilnehmer überlassen, wie er sich den niederländischen Wortschatz aneignet. Ohne Wortschatz kann man schlecht eine Fremdsprache sprechen. Sonst lege ich auf einen unterhaltsam Ansatz Wert: Spiele, Lieder und Geschichten gehören fest dazu. Ausflüge werden auch gemacht und von den Kursteilnehmern organisiert, etwa eine niederländischsprachige Stadtrundführung buchen oder einen Tisch im Restaurant bestellen — selbstverständlich auch auf Niederländisch. Mit meinen Kursteilnehmern aus den verschiedenen Gruppen war ich schon in Utrecht, Den Bosch und Maastricht.

Wie niederländisch ist Langenfeld?
Seibel-van Dijk Aus Sicht meiner niederländischen Verwandten ist Langenfeld natürlich eine typisch deutsche Kleinstadt. Aber meine Freunde aus Süddeutschland zum Beispiel werden in Langenfeld schon eher etwas "Niederländisches" sehen. Schon alleine, weil alles hier so schön flach ist und man hier so toll radfahren kann! Ich denke, dass viele Städte im Rheinland ein bisschen "niederländisch" sind.

Und konkrete Spuren?
Seibel-van Dijk Da fallen mir spontan ein Blumengeschäft in Richrath, ein Blumen- und Gartencenter am Fuhrkamp und den Kaaskoning auf dem Wochenmarkt ein. Bestimmt gibt's da noch mehr . . .

Was ist mit Gastronomie und Kultur?
Seibel-van Dijk Beides war bis jetzt etwas dürftig, aber das wird sich in diesem Niederlande-Jahr sicherlich ändern . . .

Was haben Sie sich für das städtische Motto-Jahr vorgenommen?
Seibel-van Dijk In den neuen Schnupperkurs habe ich jetzt schon viel Arbeit reingesteckt, denn ich arbeite in diesem Kurs nicht mit einem Lehrbuch, sondern ausschließlich mit eigenem Material. Natürlich werde ich auch meine beiden bestehenden Kurse an der VHS fortsetzen.

Und privat?
Seibel-van Dijk Immerhin habe ich diesmal wesentlich mehr Tulpenzwiebeln in meinem Garten "versenkt" als die zwanzig Stück, die ich im Herbst bei einer Aktion von Bürgermeister Frank Schneider geschenkt bekommen habe.

(ila)