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Serie "Blick in die Zukunft": Diana Klee aus dem Chor der Rheinoper

„Blick in die Zukunft“ : "Uns fehlt überall der Rhythmus"

In ihrem Gastbeitrag berichtet Diana Klee aus dem Chor der Rheinoper, wie sehr sie den Rausch des Singens vermisst. Dafür hat sie privat mehr Zeit für sich, fürs Musizieren und innovative Kochen.

Es ist 9.45 Uhr, ein ganz normaler Mittwoch im Dezember zu einer ganz normalen Uhrzeit, nämlich kurz vor Probenbeginn in der Rheinoper. Aber normal ist schon seit März nichts mehr wirklich. Auch meine Kollegen und ich sind von der Pandemie im Alltag betroffen und eingeschränkt. Singen im Chor, wird als gefährdend angesehen. Also ist nun alles ganz anders. Wie fühlt sich das an? Was vermisse ich, was kann ich genießen, was wünschte ich mir anders, und was erhoffe ich von der Zeit „danach“?

Ich bin schon seit 1996 an der Deutschen Oper am Rhein engagiert, auch vor Beginn meiner Laufbahn als Sängerin war es immer mein Ziel, im Opernchor zu singen. Ich bin ein „Gruppentier“, das auch gerne mal solistisch hervortritt, sei es im Konzert oder mit kleinen Rollen am Theater, sich aber am allerwohlsten als Teil des Ensembles fühlt. Seit März vermisse ich das alltägliche Zusammentreffen und Arbeiten mit meinen Kollegen und vor allem das gemeinschaftliche Singen in der großen Gruppe.

Als Chormitglied der Deutschen Oper am Rhein ist man in aller Regel sehr beschäftigt. Die Arbeitszeiten sind eher familienunfreundlich, es gibt tägliche Doppeldienste und selten freie Wochenenden; da verbringt man mit den Kollegen und Kolleginnen in den Garderoben vor und während der Vorstellungen und Proben Lebenszeit, kommt sich nahe und kennt sich meist gut untereinander. Und nun fallen die Gespräche und Begegnungen mit der „Zweitfamilie“ einfach weg.

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Vor allem das Gefühl, als Teil des Ensembles einen gemeinsamen Klang zu erzeugen, der sich manchmal fast rauschhaft anfühlt, vermisse ich ungemein. Ebenso fehlt die gewohnte Tagesstruktur: Der Rhythmus aus täglichen Proben und Vorstellungen, vormittags und abends, gibt mir auch ein gewisses Maß an Energie, den Alltag dazwischen stringent zu verfolgen. So sehr man sich nach einer anstrengenden Saison nach der Spielzeitpause sehnt – nach den sechs Wochen ohne Theater dürstet es einen förmlich danach, wieder gemeinsam Musik zu machen.

Und doch gibt es in dieser Zeit auch immer wieder Impulse und neue Erfahrungen, die aus den Beschränkungen durch die Pandemie entstehen. Plötzlich habe ich mehr Zeit, mich mit der eigenen Stimme zu beschäftigen, den Gesangsunterricht zu intensivieren. Ich habe Muße, mal wieder mit meinem Mann, der glücklicherweise auch Musiker ist, eine tägliche gemeinsame Arbeitseinheit zu absolvieren, auch ohne einen gezielten Aufführungstermin.

Die durch die Abstandsregeln kargen Probenmöglichkeiten eröffnen neue, spannende Probenkonstellationen: In Kleingruppen sind wir stärker als sonst gefordert, viel mehr aufeinander zu hören und noch intensiver an Klang und Intonation zu arbeiten. Opernraritäten und unbekanntere Werke in kleinen Besetzungen, die man im normalen Betrieb wahrscheinlich niemals spielen würde, kommen ans Licht und entpuppen sich als kleine Wunder.

Die Arbeit an Boris Blachers „Romeo und Julia“ in der Inszenierung von Manuel Schmitt und unter der musikalischen Leitung von Christoph Stöcker mit nur acht Choristen und kleinem Ensemble war für mich so ein kleines Wunder, das wir bisher leider nur bis zur Generalprobe bringen konnten.

Und privat? Ich habe schon lange nicht mehr so innovativ gekocht wie in den letzten Monaten und bin dabei auf alle Animositäten und Wünsche der Familienmitglieder eingegangen (O-Ton der großen Tochter: „Du kochst neuerdings immer so fancy!“). Eine ebenso neue Erfahrung wäre es, Verabredungen treffen oder selbst mal ins Theater gehen zu können, ohne darauf hinweisen zu müssen, dass man wahrscheinlich selbst Probe am Abend oder ganz sicher eine Vorstellung hat. Leider macht da die Pandemie schon wieder einen Strich durch die Rechnung.

Ich bin sehr dankbar, dass ich zumindest momentan nicht existenziell bedroht bin, und doch schwebt man im ungewissen Raum. Klar ist, dass es nach dieser eigenartigen Zeit irgendwie weitergehen wird am Theater, auch wenn man diffus ahnt, dass wir nicht nur dort, sondern im ganzen Leben nicht einfach da anknüpfen können, wo wir im März gestoppt worden sind. Im besten Falle besinnen wir uns auf den Zusammenhalt von Familie und Freunden, auf die Tugenden des Ensembletheaters, das aus eigenen Kräften Musiktheater auf die Beine stellen kann, auf das Wir-Gefühl, in dem Chorgesang entsteht, und die feste Überzeugung, dass Musik einfach ewig bestehen wird.

Ich freue mich unsagbar darauf, wieder ein großes Chorwerk gemeinsam einzustudieren. Und dann auf den Moment, wenn zur Premiere das Arbeitslicht auf der Bühne ausgeht, der Vorhang sich langsam hebt und die Ouvertüre erklingt.