Monheim: Segeltörn auf dem Rhein

Monheim : Segeltörn auf dem Rhein

An Monheim ist gestern die Helena vorbeigeschippert, ein historischer Frachtsegler, der einst Kohle auf dem Rhein transportierte. Das Plattbodenschiff ist eine Rarität. Bis Ende der Woche kann es in Düsseldorf bestaunt werden.

Zwischen der Leverkusener Rhein- und der Fleher Brücke in Düsseldorf liegen genug brückenlose Stromkilometer — vielleicht richtet sie ja ihre Masten auf? So dürfte gestern manch ein Monheimer Schifffahrtsfreund gehofft haben, nachdem er von der Passage des segelnden Denkmals Wind bekommen hatte. Doch die "Helena", Baujahr 1875, ließ Masten und Segel unten. "Der Rhein hat zur Zeit viel Wasser und eine entsprechend starke Strömung. Da kommen wir zu schnell voran, um auch noch die Segel setzen zu können", erklärte Kapitän Sebastian Bouma per Handy am Nachmittag, als der historische Frachtsegler an der Alten Freiheit vorbeischipperte. Zum Trost verwies er auf Düsseldorf, wo die "Helena" auf ihrer 840-Kilometer-Tour von Basel nach Rotterdam wenig später festmachen sollte: Vor der Altstadt oder vor Golzheim — so genau wusste der Holländer dies nicht zu sagen — wird das Boot in den nächsten Tagen "zwischen zwei Brücken" hin- und hersegeln — in voller Pracht!

Foto: Eigner

Nur 90 Zentimeter Tiefgang

Foto: Eigner

Der 137 Jahre alte Traditionssegler ließ gestern für etwa 20 Minuten die Geschichte der Rheinschifffahrt in Monheim lebendig werden. 2003 vom Rotterdamer Segelschiffverein vor der Verschrottung gerettet und liebevoll restauriert, dürfte das Plattbodenschiff (Stevenaak) bereits in seinem früheren Leben die Rheingemeinde ein paar Mal back- oder steuerbord liegengelassen haben. "Meistens fuhr es von Rotterdam wohl nur bis Ruhrort, aber Köln hat es auf jeden Fall auch erreicht", erzählt Bouma, Chef einer sechsköpfigen Crew. Ausgelegt hatte sein erster Eigner das 40 Meter lange Schiff mit einem Tiefgang von nur 90 Zentimetern für den Gütertransport bis nach Straßburg.

Foto: Eigner

Die "Helena" transportierte vor allem Kohle und Erz. Beides steht für das Zeitalter von Eisenbahn und Dampfschifffahrt. Und beides zeigt, dass der Frachtsegler eigentlich schon bei seiner Indienststellung "von gestern" war. Die Dampfschifffahrt verdrängte Segel- und Treidelschiffe, die Eisenbahn ließ die Zahl der Brücken wachsen. Je öfter die Mannschaft den knapp 24 Meter hohen Hauptmast der "Helena" umlegen musste, desto umständlicher und unwirtschaftlicher wurden die Fahrten mit ihr. "Vor der Industrialisierung gab es auf dem Rhein Schiffsbrücken mit schwimmenden Trägern, die sich wie ein Tor öffnen ließen — da waren hohe Masten kein Problem", berichtet Karl-Heinz Lange, Schifffahrtsexperte vom Hitdorfer Heimatverein. Flussaufwärts sei vor dem Durchbruch der Dampfschifffahrt vor allem getreidelt worden: Die Boote wurden vom Ufer aus gezogen, von Zugtieren oder auch von Menschen. Flurnamen wie "Am Lienenkamp" in Baumberg — "Lienen" gleich "Leinen" — erinnern daran, weiß Monheims Stadtarchivar Michael Hohmeier. "Flussabwärts nutze man meistens einfach nur die Strömung."

Und manchmal — vor allem am Niederrhein — eben auch die Windkraft. Laut Kapitän Bouma hatte das Segeln eine Wirkung wie Rudern — die "Helena" kam schneller voran. Anfang des 20. Jahrhunderts reichte die Windkraft jedoch nicht mehr, um mit Dampfschiffen und dem neu erfundenen Dieselmotor zu konkurrieren. 1911 begann das zweite Leben des Schiffes unter anderem Namen: Die "Antonius Maria" wurde ein Lastkahn, der von Schleppern gezogen wurde — ein Anhänger auf dem Wasser. Später bekam sie selbst einen Motor. Der treibt die wieder umgetaufte "Helena" auch in ihrem dritten Leben an — wenn sie nicht doch mal segelt.

(RP)
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