Weihnachten Der Rhein Weist Den Weg: Schiff war für Monheimer das Zuhause

Weihnachten Der Rhein Weist Den Weg : Schiff war für Monheimer das Zuhause

33 Jahre lang transportierten Helga und Heinz Peter Distel mit ihrem Binnenschiff "Stadt Monheim" auf Flüssen Massengüter.

Es ist das Jahr 1981, Mitte Dezember. Wie immer in der Adventszeit fragt sich Familie Distel: "Wo werden wir wohl Weihnachten sein?". Doch in diesem Jahr scheint für die Monheimer Binnenschiffer alles glatt zu gehen. Mit dem Auftrag Sojabohnen in Rotterdam mit dem Zielhafen Neuss zu holen, sind sie völlig einverstanden. "Unsere Freude war übergroß, weil wir wussten, wo wir unsere Tochter Melanie an Bord holen konnten", erinnert sich Helga Distel (72). Das Mädchen ist, wie fast alle Schifferkinder, noch in ihrem Internat. Als eine Woche vor Weihnachten ihr Binnenschiff "Stadt Monheim" seine Reise antritt, nimmt die von der 72-Jährigen erzählte Geschichte ihren Lauf.

Zwar pünktlich an der Hartel-Schleuse angekommen, ist an jenem Dezembertag wegen Kanalarbeiten von einem Weiterkommen keine Rede. Die Boote keilen sich so sehr ineinander, dass die Schleusung schließlich endgültig eingestellt wird. Erst am nächsten Morgen können Helga und Heinz Peter Distel sowie Matrose Klaus hindurch - doch es folgt der nächste Schreck: Das Seeschiff hatte den Hafen bereits verlassen.

"Erst drei Tage vor Heiligabend war eine neue Ladung Sojabohnen zu bekommen", erzählt Helga Distel. Das macht drei verlorene Tage, bis ihr Schiff mit 1150 Tonnen Soja im Gepäck weiter zuckeln kann. Nebel, Schnee und überschwemmte Ufer verlangen jetzt höchste Konzentration. "In der Schiffersprache nennt man das ,Rak zu mit Nebel'. Die Sicht betrug höchstens fünf Meter." Über das Radio Koblenz versucht die noch unvollständige Familie Kontakt zu Helgas Mutter aufzubauen, damit die Oma r Melanie schon mal zur Bahn bringen kann. Die Funkverbindung ist gestört, alle bangen eine Weile, bis schließlich nach einigem Hin und Her Tochter und Schwiegervater mit dem Taxi ankommen. Alle sind überglücklich.

"Das Schlimmste an der Schifffahrt ist, dass man sich von seinen Kindern trennen muss, wenn sie im schulpflichtigen Alter sind", sagt Helga Distel. 41 Stunden Aufenthalt hat die kleine Familie schon ausgehalten, als sich die Warnanlage der Backbord-Maschine bemerkbar macht. Dieser neue Getriebeschaden beschränkt das Weiterfahren auf ein Tempo von 6 km/h. Der Heilige Abend fällt für die Distels 1981 ein wenig spartanisch aus. Die Christbaumkerzen können sie anzünden. Festessen und Geschenke wird es erst geben, wenn die Familie den Heimathafen erreicht hat.

"Welch ein Glück, dass die Schifffahrt noch andere Seiten hat", sagt Helga Distel. Sie hat fast ihr halbes Leben auf einem Binnenschiff verbracht - 33 Jahre insgesamt. "Wenn Sie einen Mann kennenlernen, der Binnenschiffer ist, ergibt sich das von alleine", erzählt sie. Schon in ihrer Kindheit fuhr sie häufig über den Rhein zu ihrer Großmutter. Die großen Kolosse beeindruckten sie damals sehr. "In Düsseldorf sah ich die Schleppschiffe liegen. Ich habe mich damals oft gefragt: Was sind das für Leute?"

Als sie ihren Mann Heinz Peter kennenlernte, fand sie es wohl heraus. Er stammt aus einer alten Schifferdynastie, die sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. "Wir hatten damals 1965 noch ein Schleppschiff und transportierten Massengüter; hauptsächlich Kohle, Steine, Erden und Getreide." Im Heimathafen in Monheim waren sie damit jedoch nicht allzu häufig. Die Aufträge zogen das Schiff von Rotterdam über Antwerpen, über Rhein und Mosel.

Das Schiff war ihr Zuhause. "Wir hatten eine Wohnküche, Gästezimmer und zwei Wohnzimmer. Zu Anfang wohnte mein Schwiegervater noch mit auf dem Schiff. Später haben wir es ihm abgekauft und 1972 motorisiert." Helga Distels Aufgaben auf dem Schiff erstreckten sich über ein weiteres Feld. Gelegentlich arbeitete sie als Steuermann und übernahm schwere, körperliche Arbeiten wie Rost auf dem Backboard klopfen und das Deck streichen. "Es war ein ewiger Kampf. Ständig mussten wir in das Schiff investieren um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir leben ein freies Leben, doch auch zu einem hohen Preis."

(alva)