Langenfeld: Schein-Ehen und Selbstläufer

Langenfeld: Schein-Ehen und Selbstläufer

Nächste Woche sollen Langenfelds Beziehungen zu Ennis und Montale vertieft werden, Ende Mai werden Gäste aus Kirjat Bialik erwartet. Die Verbindungen zu befreundeten und Partnerstädten sind sehr unterschiedlich intensiv.

Gleich nach den Iden des März wird der Stuhl von Bürgermeister Frank Schneider verwaist sein, aber das hat einen ganz unblutigen Grund: Der Verwaltungschef weilt für ein paar Tage in Montale, 250 Kilometer nördlich von Rom. Zusammen mit der städtischen Kulturkoordinatorin Juliane Kreutzmann und dem Kulturausschuss-Vorsitzenden Uwe Reuker will Schneider die Freundschaft zu dem Toskana-Städtchen vertiefen. Zeitgleich ist eine weitere, von Vize-Bürgermeister Dieter Braschoss angeführte Delegation in Ennis. Zum St. Patrick's Day, dem irischen Nationalfeiertag, will Langenfeld damit seinem Ziel näherkommen, endlich eine englischsprachige zu seinen Partnerstädten zu zählen.

Der Zustand der Beziehungen zu insgesamt sieben Städten, davon sechs ausländischen, gleicht etwa der Gesamtheit der bürgerlichen Ehen in Langenfeld: Manche werden zunehmend inniger, bei einigen ist der Wurm drin, andere wiederum existieren nur noch auf dem Papier. So sieht es im einzelnen aus:

Senlis (16 000 Einwohner): Seit die Partnerschaft mit dem Städtchen bei Paris 1969 offiziell begründet wurde, haben es tausende Langenfelder besucht, darunter Schüler, Chöre und Awo-Tanzmäuse. Umgekehrt waren etliche Senliser schon in Langenfeld. Doch die Verbindung zwischen Franzosen und Deutschen war schon mal leidenschaftlicher. "Mit Josef Müller (dem frankophilen früheren CDU-Ratsfraktionschef) ist ein tragender Pfeiler dieser Partnerschaft weggebrochen", räumte der Bürgermeister jetzt auf eine Anfrage der Grünen im Hauptausschuss ein. Unsere RP-Prognose: Ein altes Ehepaar braucht schon mal neue Impulse. Genug Frankreich-Liebhaber, die sich engagieren könnten, gibt es ja. Spätestens also zur Goldenen Hochzeit in sieben Jahren sollte es wieder richtig knistern!

Gostynin (19 000 Einwohner): "Ein Selbstläufer", sagt Schneider über die 1998 besiegelte Städtepartnerschaft mit dem Ort 130 Kilometer westlich von Warschau. Zu verdanken ist dies vor allem dem zuständigen Förderverein. Allein für dieses Jahr organisiert er zwei Reisen nach Gostynin. "Die Studienfahrt im August ist bereits ausgebucht, für die Bustour vom 5. bis 9. Oktober für Jugendliche ab 15 sind noch Plätze frei", berichtet die Vorsitzende Erna Funk. Unser Urteil: Das ist gelebte EU-Osterweiterung!

Batangas City (300 000 Einwohner): Langenfeld hat der philippinischen Stadt in den 90er Jahren Verwaltungshilfe geleistet (Müllentsorgung etc.). Aus diesen behördlichen Beziehungen, die 1998 zu einer Städtepartnerschaft erhoben wurden, ist aber kaum etwas Zwischenmenschliches entstanden. Bis auf Alt-Vizebürgermeister Rolf Gassen habe niemand mehr Kontakt zu Batangas, stellt Schneider nüchtern fest. Unser Urteil: Nicht mal mehr eine Fernbeziehung!

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Köthen (28 000 Einwohner): Die am Tag der Wiedervereinigung geschlossene Freundschaft mit der kultivierten ehemaligen Residenzstadt (Anhalt-Köthen), wo Johann Sebastian Bach seine Brandenburgischen Konzerte komponierte, bringt laut Schneider derzeit "keine regelmäßigen Treffen" hervor. "Das Problem: Wenn man die Köthener einlädt, kommen die immer gleich mit zwei Bussen", meinte der Verwaltungschef im Hauptausschuss augenzwinkernd mit Blick aufs Städtepartnerschafts-Budget. Unser Urteil: Schade drum. Schickt doch ebenfalls zwei Busse nach drüben — es lohnt sich!

Kirjat Bialik (37 000 Einwohner): Außer der Verwaltung haben der Schwimmverein und der Kinder- und Jugendchor von St. Paulus die Freundschaft zu der Stadt im Norden Israels bisher getragen. "Das ist ein bisschen eingeschlafen", bedauert Schneider. Unser Rat: Nutzt den Besuch der Israelis, um endlich einen regelmäßigen Jugendaustausch auf den Weg zu bringen!

Ennis (20 000 Einwohner): Vor drei Jahren verband Langenfeld mit dem Städtchen auf der Grünen Insel wahre Frühlingsgefühle: Juchhei, eine englischsprachige Partnerstadt ist in Sicht! Mit der direkten Billigflug-Verbindung Weeze-Shannon scheint indes auch die Begeisterung für die Folkmusik-Hochburg nahe dem International Airport weggefallen zu sein. "Das ist jetzt eine kleine Weltreise dorthin", seufzt Schneider. Die Delegation soll nun besonders im Chorwesen die Bande stärken. Unsere Prognose: Bis die Gospelsingers Langenfeld in der irischen Festivalstadt gastieren, kann es noch dauern.

Montale (11 000 Einwohner): Die Kulturspitzen aus Rat und Verwaltung wollen in der Toskana gegenseitige Teilnahmen an Musik- und Fußballveranstaltungen vereinbaren. Kann aus der Städtefreundschaft mehr werden? Schneider schließt nach eigenem Bekunden "mittelfristig" nichts aus. Wichtiger als offizielle Abschlüsse sei aber der "gelebte Austausch zwischen den Menschen". Unser Urteil: Stimmt! Bei Städtepartner- und -freundschaften ist "der Weg das Ziel". Und das Ziel kein Garant für ein gelingendes "Weiter so".

(RP/rl)
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