Langenfeld: Schäbige Urnenwand ärgert die Angehörigen

Langenfeld : Schäbige Urnenwand ärgert die Angehörigen

Die evangelischen Friedhöfe sollen zu Park- und Oasenlandschaften mit Naherholungscharakter umgewandelt werden.

Der Tod kam plötzlich und ohne jede Vorwarnung, kaum, dass sich der 70-jährige Herbert S. [Name von der Redaktion geändert] zu seiner Lieblingskochsendung in den Sessel gesetzt hatte. In dem lähmenden Schockzustand, den seine Familie erfasste, überwogen praktische Erwägungen, daher wurde der Vater im Kolumbarium auf dem evangelischen Friedhof in Immigrath beigesetzt. "Da kann ich zu Fuß hingegen. Die Kinder sind doch in der Welt verstreut, wer kümmert sich ums Grab, wenn ich nicht mehr bin", sagt seine Witwe. Doch wenn die 76-jährige Karin S. heute ihren Mann besucht, trauert sie nicht nur über den Verlust, sondern auch über die so wenig würdevolle letzte Ruhestätte. "Die Betonstele sieht immer schmutzig aus und man kann keine Kerzen oder Blumen anbringen, um den Toten zu ehren." Zudem machte Karin S. die Erfahrung, dass ihre unterhalb der Stele abgestellten Lichter und Gestecke weggeräumt wurden. Sie musste ihren Besitz dann aus einem großen Haufen zusammengetragenen Grabschmucks herausklauben. Am liebsten würde sie ihren Ehemann umbetten — das aber verbietet die Totenruhe.

Beschwerden über den unerfreulichen Anblick der Stelen muss Barbara Feldhoff von der Friedhofsverwaltung des Öfteren entgegennehmen. "Als die Kolumbarien eingerichtet wurden, sollten sie Schlichtheit und Vergänglichkeit widerspiegeln. Deshalb wurde für die Grabplatten ein leicht verwitternder Sandstein gewählt. Wenn man den mit scharfen Mitteln oder Geräten bearbeitet, löst er sich auf und man kann die Inschrift nicht mehr lesen", erklärt sie. Auch das Efeu, das sich malerisch am Beton hochranken soll, zeige sich bisher "wenig kooperativ". "Das war einfach ein Riesenfehler unserer Vorgänger, die Stelen ausgerechnet unter Bäume zu stellen. Durch die schattige Lage setzt sich der poröse Stein ständig mit Moos zu", ergänzt Pfarrerin Angela Schiller-Meyer.

Wegen der beengten Verhältnisse birgt diese Bestattungsform zudem einen ähnlichen Konfliktstoff wie andere Lebensbereiche, wo viele Menschen miteinander um Platz zur Entfaltung ringen. Jeder, der hier etwas an die Abdeckplatte zur Nische anbringt, oder auf dem Boden Schalen, Kerzen abstellt, stört damit unwillkürlich den Nachbarn. Das ausufernde Abstellen von Grabschmuck könne die Friedhofsverwaltung aber schon wegen ihrer Verkehrssicherungspflicht nicht zulassen. "Wir wollen ja niemanden verletzten, aber wir können auch nicht riskieren, dass jemand stürzt", sagt die Pfarrerin.

Das grundlegende Problem sei, dass viele Angehörige — im seelischen Ausnahmezustand des akuten Trauerfalls — offenbar nicht die ganze Konsequenz einer "pflegefreien Bestattungsart" erfassten. "Wer großen Wert auf individuellen Grabschmuck legt, sollte daher ein Reihengrab nehmen", so Feldhoff. Ein Kernproblem dabei sei, dass Tod und Sterben immer noch Tabuthemen sind, sagt Angela Schiller-Meyer, die eine Ausbildung zur Trauerbegleitung gemacht hat. "Ich versuche den Menschen zu vermitteln, sich rechtzeitig damit zu beschäftigen. Man kann die Grabstätte, die Modalitäten der Feier, ja selbst den Blumenschmuck selber im Vorhinein festlegen." Das erspare den Angehörigen viel Seelenpein und Ärger.

Dennoch wird das Kolumbarium so gut nachgefragt, dass das Presbyterium über eine Erweiterung nachdenkt. "Wir werden aber diese Form nicht noch einmal anschaffen", betont Angela Schiller-Meyer, die dem Arbeitskreis Friedhof der evangelischen Gemeinde vorsitzt. Sie beklagt, dass abgesehen von dieser Fehlentscheidung ihre Vorgänger den Friedhof jahrelang vernachlässigt hätten. "Es gibt auf den Friedhöfen keine vernünftigen Sitzgelegenheiten, die Wasserstellen, die Wege müssen in Ordnung gehalten werden, insgesamt wollen wir die Aufenthaltsqualität verbessern." Sie wolle den Friedhof wieder in den Fokus rücken, ins Gemeindeleben zurückholen, ihn in eine Oasen- und Parklandschaft mit Naherholungscharakter verwandeln. Als ersten Schritt wurde ein neues Gärtnerteam zusammengestellt. "Wir brauchen Fachleute, die die Langzeitfolgen einer Anpflanzung überblicken."

Die Belebung des Friedhofs soll schon im November mit Oasentagen beginnen, an denen sie die Erlöserkirche für Menschen öffnet, die jemanden zum Reden suchen. Außerdem suche sie nach freiwilligen Helfern, die sich in der dunklen Jahreszeit als Begleiter für Friedhofsbesucher zur Verfügung stellen. Denn viele ältere Menschen fühlen sich an diesen einsamen Orten unsicher. Auch über neue Bestattungsformen, wie die Baumbestattung, werde nachgedacht. Als Ideen schwebten sowohl die Baum- als auch die pflegeleichte Wiesenbestattung im Raum.

Insgesamt müsse das Presbyterium zusehen, wie es gelingen könnte, den defizitären Friedhofshaushalt in ein Plus zu führen. Dass möglicherweise Gebühren angehoben werden müssen, möchte Angela Schiller-Meyer nicht ausschließen. Dies geschehe dann aber in Abstimmung mit der katholischen Gemeinde und der Stadt.

(RP)
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