Stadtteil-Porträt (folge 2) Rp Und Stadtwerke Unterwegs In . . .: Reusrath: Leben wie auf dem Dorf

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Trotz des Baubooms seit den 1950er Jahren blieb der ländliche Charakter weitgehend erhalten.

Reusrath Wenn die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus Behrendt) im Kölner Tatort über ihre gelösten Fälle plaudern, tun sie das an der Bratwurstbude. Für richtig gute Pommes aus frischen Kartoffeln samt Curry-Wurst, so versichert der Reusrather Jim Decker (18), müsse man aber nicht wirklich in die Domstadt. Die gebe es nämlich direkt um die Ecke in der Reusrather "Curry-Woosch". Doch prinzipiell ist Köln dem Reusrather näher als Düsseldorf. Der südlichste Langenfelder Stadtteil liegt am Kölsch-Altbieräquator, und "wir sind der einzige Stadtteil, der im Karneval ,Alaaf' ruft", meint Andreas Zimmermann. Der 38-jährige ist Pressesprecher des Rüsrother Carnevals Comittees (RCC) und Fan des 1. FC Köln.

Für viele Familien ist der Ortsteil zunächst aber einmal eine "super Wohngegend", sagt Friseurmeister Christoph Crahs (50). Er betont die zentrale Lage. "In zehn Minuten ist man im Bergischen Land inmitten der Natur, aber auch die Metropolen sind schnell erreichbar." War Reusrath früher durch die Landwirtschaft geprägt, wurden immer mehr Äcker in Bauland umgewandelt. Dennoch blieb der ländliche Charakter weitgehend erhalten. Der Ortsteil ist insbesondere durch den Gemüseanbau bekannt. Es gibt zudem Maisfelder, Pilz- und Viehzucht sowie Reiterhöfe. Überall begegnen dem Spaziergänger Bilderstöcke und Wegekreuze, so wie an der Dückeburg oder an der Grunewaldstraße: Zeichen für ein christlich geprägtes Bauernland. "Bei uns lebt ein bodenständiger Menschenschlag", sagt Crahs, der aus einer alteingesessenen Reusrather Familie stammt. Seine Eltern eröffneten vor 50 Jahren ihr Friseurgeschäft, der Sohn übernahm es vor 20 Jahren und zog vor zehn Jahren in das Lokal neben Rewe. Zu seinen Kunden zählt auch die lokale Prominenz. Ex-Bürgermeister Magnus Staehler, Bürgermeister Frank Schneider und dessen Vize Dieter Braschoss lassen sich bei ihm die Haare schneiden", verrät Crahs' Schwester Martina Wolter.

Seit den 1950er Jahren hat sich der Zuzug verstärkt. So entstanden nach und nach neue Häuser an der Alte Schulstraße, Am Ohrenbusch, am Wiesenweg, an der Gartenstraße, am Iltisweg oder am Grillenpfad. An den Teichweg ziehen die besser Betuchten und verwirklichen sich dort individuelle Wohnträume. Im Rohbau befinden sich zur Zeit die Häuser an der Weststraße. Umstritten ist hingegen die geplante Bebauung des Gebiets Locher Wiesen. Insgesamt überwiegen Einfamilien- und Reihenhäuser mit Gärten sowie Doppelhaushälften. Mehrfamilienhäuser sind rar. Es gibt keine sozialen Brennpunkte. Etwas abgelegen an der Kölner Straße 80 steht jedoch das Übergangswohnheim für Flüchtlinge. 97 Menschen leben zurzeit dort.

Im Rewe-Markt an der Opladener Straße können sich die Bürger mit allen Waren des täglichen Bedarfs versorgen. Außerdem gibt es Metzger, Apotheken, eine Sparkassen-Filiale, ein Matratzengeschäft und sogar einen Hundefriseur. Familien schätzen, dass zwei Kindertagesstätten und eine Gemeinschaftsgrundschule in der Nähe sind. Der Kreis Mettmann unterhält an der Virneburgstraße eine Förderschule für geistige Entwicklung, die Virneburgschule.

Das gastronomische Angebot sorgt für Abwechslung. Christoph Crahs beispielsweise trifft sich mit Freunden gerne in der Gaststätte "Alte Post" und im Bistro "Raphas" im Petry-Tennis-Center. Eine große Rolle spielt das Vereinsleben. Neben der St.Sebastianus-Schützenbruderschaft Reusrath und der St.Hubertus-Schützenbruderschaft punktet der SC Germania Reusrath unter anderem mit einer starken Fußballabteilung. Der Verein feierte kürzlich 100-jähriges Bestehen. Für das Winterbrauchtum ist das Rüsrother Carnevals Comittee (RCC) zuständig. Seit 2006 organisiert der Club den Reusrather Lichterzug, eine Attraktion, bei der inzwischen rund 500 Teilnehmer mitmachen. Wagen und Gruppen sind mit elektrischen Lichtern geschmückt. 20 000 Zuschauer mit Taschenlampen und Leuchtstäben säumen regelmäßig den Zugweg, und die Anwohner hängen Lichterketten in ihre Vorgärten. Andreas Zimmermann ist "seit der ersten Sekunde dabei" und beobachtet mit Freude, dass die Reusrather beim Straßenkarneval eine ganz eigene Kultur entwickelt haben.

"Schräg feiern können wir", davon ist auch Martina Wolter überzeugt. Die Sekretärin erinnert sich noch gut an den Polterabend für Ralf und Cora Schumacher. "Weil Cora aus Reusrath kommt, wurde eigens eine Feier auf dem Marktplatz auf die Beine gestellt." Und viele halfen mit. "Man kennt sich hier bei uns", lobt Pfarrerin Annegret Duffe den positiven Dorfcharakter. "Wir haben im Ortsteil eine gute soziale Struktur." Das Pfarrerehepaar Christof Bleckmann und Annegret Duffe lebt seit 1997 an der Trompeter Straße und schätzt den Naherholungswert in der unmittelbaren Umgebung. Die beiden unternehmen dort gerne Spaziergänge, und Bleckmann bricht sogar mit seinen Konfirmanden zu Nachtwanderungen in den Hapelrather Wald auf. Ganz in der Nähe dreht auch Ingeborg Fritz ihre Nordic-Walking-Runden. Die 79-Jährige trainiert täglich eine Stunde an der frischen Luft und läuft vorbei an Weiden mit Eseln und Pferden. An der Alten Schulstraße 47 betreibt Karin Höflich ihre Glasperlenwerkstatt. Die 43-Jährige hat sich dort auf dem Land ihre eigene Existenz aufgebaut und organisiert den Kunsthof Reusrath. Nebenbei engagiert sich die ambitionierte Hundefreundin für den Tierschutz.

Gewerbegebiete entstehen — parallel zur A 542 — erst in jüngster Zeit. Etwa ab 2004 an der Albert-Einstein-Straße. Das Gewerbegebiet Reusrath Nord-West werde Anfang 2014 erschlossen, sagt Ulrich Beul (Fachbereichsleiter Stadtentwicklung). Größter Arbeitgeber ist die LVR-Klinik, die für Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen zuständig ist, und die in der Forensik psychisch kranke Straftäter betreut. Sie betreibt eine eigene Krankenpflegeschule. Die parkähnliche Anlage mit dem Galkhausener Gutshof ist für alle Bürger offen und kann bei Spaziergängen erkundet werden, merkt Pfarrer Bleckmann an. Seit 2007 ist in Reusrath eine Konzentrationszone für Windräder ausgewiesen. Die Stadtwerke sind in der Arbeitsgemeinschaft "Bergwind" außerdem an der Windkraftkonzentrationszone beiderseits der A 59 mit Monheim im Gespräch. Für politischen Zündstoff sorgt der geplante Helikopter-Landeplatz an der Dückeburg. Der Unternehmer Gerhard Witte hat dafür bei der Bezirksregierung einen Sonderflugplatz nahe der historischen Hofanlage beantragt.

Der Ortsteil mit 7050 Einwohnern hat eine lange Geschichte: Erste urkundliche Erwähnung fand mit Neurath im Jahre 904 ein Ort in der Gemarkung Reusrath. Um 1147 wird Widdauen (ebenfalls in Neurath) erwähnt, 1281 ist es Reusrath selbst, das als "Ruzerode" schriftlich genannt wird. Reusrath gehörte als Tochterkirche von St. Aldegundis Rheindorf früher zum Dekanat Deutz, die übrigen Stadtteile gehörten zum Dekanat Neuss. Von den 70 Baudenkmälern befinden sich 21 in Reusrath. Dazu zählen das ehemalige Pfarrhaus an der Trompeter Straße 38, die Dückeburg, die Hofanlage Gut Hecke an der Opladener Straße, die evangelische Martin-Luther-Kirche, ein Portalgitter an der Virneburgstraße 2 und die LVR-Klinik.

(RP)
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