Prozess um Steuerhinterziehung von 48 Mill. Euro beginnt in Hagen

Hilden/Langenfeld : Sieben Tonnen Kleingeld sichergestellt

Heute beginnt in Hagen der Prozess gegen Mitglieder eines Clans mit Verbindungen nach Langenfeld.

Begonnen hatte alles eher zufällig, auf einem Sportplatz in Hagen. Dort hatte der Schiedsrichter gerade die Spieler zweier Amateurfußballmannschaften zur Halbzeit in die Kabine geschickt, als sechs durchtrainierte Männer wutentbrannt auf den Platz rannten. Einer der Trainer und der Linienrichter wurden brutal niedergeschlagen, nur wenige Tage später klingelte die Polizei an den Haustüren der Tatverdächtigen. Bei denen soll es es sich um Mitglieder eines türkisch-kurdischen Familienclans gehandelt haben, nachweisen konnte man ihnen eine Beteiligung an der Schlägerei nicht.

In einer der Wohnungen hatte man jedoch einen Laptop gefunden, und kurz darauf stand in der Hildener Niedenstraße und in einer Langenfelder Spielhalle die Kripo vor der Türe. Auf dem Computer hatte man Hinweise auf die Manipulation von Spielautomaten sichergestellt. Wohl eher ein Zufallsfund – es folgte eine landesweite Razzia von Polizei und Steuerfahndung in Hilden, Langenfeld und neun weiteren Städten. Allein der Steuerschaden war auf 48,4 Millionen Euro geschätzt worden, neun Luxussportwagen wurden eingezogen. Drei gepanzerte Geldtransporter mussten anrollen, um aus Häusern und Casinos fünf Millionen Euro Bargeld zu einer Filiale der Bundesbank zu bringen. „Dabei wies allein das sichergestellte Münzgeld aus diversen Spiel- und Geldwechselautomaten ein Gesamtgewicht von etwa sieben Tonnen auf“, war danach in der Pressemitteilung der Polizei zu lesen. Drei tatverdächtige Familienmitglieder waren in Untersuchungshaft gekommen – unter ihnen Sami S. (43), der unter anderem die Spielhallen in Hilden und Langenfeld betreiben soll. Zwei Männer sind mittlerweile aus der Haft entlassen worden, und über Sami S. sagt sein Anwalt, dass er dort zu Unrecht sitze. „Das ganze Verfahren gleicht einem Fake, die Verdachtsbehauptungen sind eine wilde Konstruktion“, so der Strafverteidiger im Vorfeld der Verhandlung. Es gebe keinen Beweis, und er sehne eine Hauptverhandlung herbei, aus der die Beschuldigten als freie Männer herausgehen würden. Der Laptop sei der Familie jedenfalls nicht zuzuordnen, die Staatsanwaltschaft betreibe Stimmungsmache.

Heute beginnt nun am Hagener Landgericht der Prozess gegen Sami S. und die ebenfalls angeklagten Alican S. (39) und Asllan H. (50). Laut Anklage sollen sie von 2008 bis 2018 in den von ihnen betriebenen Spielhallen die technischen Aufzeichnungen der Geldspielautomaten mithilfe einer Spezialsoftware manipuliert haben, um geringere Einnahmen vorzuspiegeln. Sami S. gilt als Haupttäter – ihm werden, teilweise gemeinsam mit seinem Bruder Alican S., 743 Straftaten vorgeworfen. Für Steuerhinterziehung in einem derart großem Ausmaß und die gewerbsmäßige Fälschung technischer Aufzeichnungen sieht das Gesetz Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren vor. Für das Verfahren sind zunächst 58 Verhandlungstage bis Januar 2020 vorgesehen.

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