Leverkusen/Langenfeld: Protest gegen "Crash-Kid"-Film

Leverkusen/Langenfeld: Protest gegen "Crash-Kid"-Film

Der Westdeutsche Rundfunk zeigte am Donnerstagabend einen Film über die kriminelle Karriere von Andreas B. Der heute 25-jährige Serienstraftäter, der mit 14 einen Polizisten totfuhr und im Gefängnis einen Mitgefangenen vergewaltigte, erzählt seine Geschichte. Opfer kommen nicht zu Wort.

Mit 13 wird Andreas B. zum Medienstar. Immer wieder büxt der Sohn eines Monheimer Lkw-Fahrers von zu Hause aus und macht sich mit gestohlenen Sattelschleppern auf Tour durch halb Europa. Routiniert gibt der schwer erziehbare Junge Interviews vor laufenden Fernsehkameras.

Andi B. mit seinem Anwalt. Foto: WDR/Hans Otto Film

Als er am 25. März 2000 mit einem gestohlenen Lastwagen auf eine Polizeisperre im niederländischen Eindhoven zurast, dokumentieren zahlreiche TV-Kameras die Amokfahrt des damals 14-Jährigen. An der Polizeisperre erfasst der Lkw den niederländischen Polizisten Tom Kusters, Vater zweier Kinder. Der Beamte erliegt drei Wochen später seinen schweren Verletzungen. "Crash-Kid"-Andi geht ins Gefängnis.

Zehn Jahre später rast Andi B. erneut über den Asphalt. Diesmal sind die Fernsehkameras noch näher dran. WDR-Reporter Jochen Klöck begleitet den heute 25-Jährigen bei einem Amateuer-Autorennen. "Der schönste Tag in meinem Leben", sagt Andi am Ende des Rennens und grinst in die Kamera.

"Das muss doch wie Spott und Hohn auf die Opfer wirken", sagt Jörg Beck (64), stellvertretender Landesvorsitzender der Opferschutzorganisation "Weißer Ring". Beck hat den Film "Wie Crash Kid Andi erwachsen wurde" schon sehen können, und er ist empört. Denn aus seiner Sicht gibt der Film einem Kriminellen die Gelegenheit, sich als Star aufzuführen. "Viele Jugendliche, die den Film sehen, könnten sich sagen: Wenn der so etwas macht und dafür ins Fernsehen kommt, dann mach' ich das auch."

Andreas B. hat nicht nur Lkw geklaut. Während seines ersten Gefängnisaufenthalts vergewaltigt er einen Mitgefangenen. Dafür bekommt er noch einmal drei Jahre Haft. Nach fünf Jahren wird er freigelassen. Kurz darauf überfällt er mit Komplizen einen Mann in dessen Wohnung und raubt ihn aus. Dafür wandert er erneut in den Knast. Wieder in Freiheit schlägt er einen Nebenbuhler mit einem Warndreieck zusammen. Dafür gibt es noch einmal 21 Monate Haft.

Monique Bottram (44) verfolgen die Bilder von dem Tag, an dem Andi B. in die Sperre der niederländischen Polizei fuhr, noch heute. Sie ist die Witwe des getöteten Polizisten. Ihre Kinder waren zwei und drei Jahre alt, als ihr Mann starb. "Was Andreas B. uns angetan hat, kann ich mit Worten kaum beschreiben. Nach allem was ich gehört habe, hat er nichts aus seinen Taten gelernt." Sie kann nicht nachvollziehen, dass ihm nun auch noch im Fernsehen ein Forum gegeben wird. "Da geht es nur um Einschaltquoten. Jedenfalls hat niemand vom WDR versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen. Aber meine Geschichte interessiert eben nicht so." Sie hat inzwischen wieder geheiratet und mit ihrem neuen Mann eine gemeinsame Tochter.

Im Film ist Andreas B. als treu sorgender Familienpapa mit Freundin zu sehen. Die Kamera ist sogar dabei, als Andi seine Partnerin zum Standesamt führt, wo das Paar einen Tag vor einer Gerichtsverhandlung in Langenfeld (Körperverletzung, Fahren ohne Führerschein) heiratet. Der Verdacht, dass die Hochzeit so terminiert wurde, um B. dem Richter als Ehemann präsentieren zu können, liegt nahe. Doch der Film stellt die Frage nicht.

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Er setzt darauf, dass die Bilder ihre Geschichte erzählen. Das tun sie, aber Klöck verzichtet darauf, sie einzuordnen. Er zeigt den Anwalt von Andi B. Der Advokat begrüßt seinen Mandanten mit Wangenküsschen, trägt mitten im Dezember ein bis auf die Brust aufgeknöpftes Hemd. Dazu eine Sonnenbrille im gegelten Haar.

Man wüsste gerne, woher der Advokat sein Honorar bezieht, woher Andreas B. das Geld für seine durchaus adrette Wohnung und die 500 Euro für einen Autokauf hat. Bezieht er Sozialhilfe, jobbt er, oder hat er von seinen selbst eingestandenen Drogendeals ein paar Euro beiseite legen können? Der Film verrät das nicht.

Aufschlussreich sind allerdings die Szenen, in denen Sozialarbeiter und Vollzugsbeamte von ihren Bemühungen berichten, Andreas B. auf den rechten Weg zurückzuführen. Selbst jetzt noch schlagen sie B. gegenüber einen wohlwollenden Kumpelton an. Doch ob das die Zuschauer wirklich wahrnehmen? "Der Film", sagt Opferschützer Jörg Beck, "hätte zumindest Experten zu Wort kommen lassen müssen, die die Bilder einordnen. So ist der Streifen ein Skandal."

Autor Klöck weist die Vorwürfe zurück: "Ich wollte einen Film über den Menschen Andreas machen. Und der hat sich nun einmal so geäußert, wie er das im Film getan hat. Hätte ich die Geschichte aus Opfersicht erzählt, wäre das ein anderer Film geworden."

Andreas B. genießt derzeit die Freiheit. Sein Anwalt ist gegen das Langenfelder Urteil in Berufung gegangen. Sollten die Richter am Landgericht Düsseldorf allerdings demnächst das Urteil der Vorinstanz — ein Jahr neun Monate plus Widerrufung einer 23 monatigen Bewährungsstrafe — bestätigen, dürfte Andi schon bald wieder ins Gefängnis wandern.

"Menschen hautnah — Das Leben vor die Wand gefahren?", WDR -Fernsehen, 22.30 Uhr.

(RP)
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