Stefan Heinemann: Politik und Kirche - kein Gegensatz

Stefan Heinemann : Politik und Kirche - kein Gegensatz

Dem 80. Jubiläum der Barmer Theologischen Erklärung widmen die Langenfelder Pfarrer eine Sommerpredigtreihe. Die Themen der Sonntage greifen jeweils eine der sechs Thesen auf. Die Predigten sind jeweils in allen vier Kirchen zu hören.

Die Barmer Erklärung wird 80 Jahre alt - auf der Bekenntnissynode in Wuppertal formulierten führende Theologen im Mai 1934 ein eindeutiges Nein dagegen, dass Nationalsozialisten die evangelische Kirche gleichschalten wollten. Eine hochpolitische Aktion. Kirche und Politik, wie passt das zusammen?

Nachdruck der Sonderveröffentlichung der Barmer Zeitung anlässlich der Deutschen Bekenntnis-Synode im Mai 1934. Foto: Ev. Kirche

Heinemann Kirche, die nicht mit Politik zu tun bekommt, gibt es nicht und hat es nie gegeben. Ich weiß, dass es manchen Menschen nicht behagt, wenn Glaube und Politik in einen Zusammenhang gebracht werden. Aber wenn wir in der Gemeinde unseren Glauben Ernst nehmen, wenn wir Gott Ernst nehmen, können wir Christen manchmal gar nicht anders, als politische Fragen im Licht unseres Glaubens zu diskutieren: Wir sagen weiter, die gute Nachricht, dass jeder Mensch von Gott angenommen ist. Darin steckt ja das Recht eines jeden Menschen auf ein freies, bejahtes Leben in einer gerechten Welt. Da, wo das nicht gewährleistet ist, da wo das einzufordern ist, da müssen Christen aktiv dafür einstehen.

War Kirche früher politischer als heute?

Heinemann Es gab Zeiten, beispielsweise wenn ich an die Anti-Atomkraftbewegung in den 1980er Jahren denke, da war die Gesellschaft insgesamt politischer, und in dieser Zeit war die Kirche es auch. Ja, Kirche ist heute weniger politisch als damals. Aber der politische Schlagabtausch ist auch sonst nicht mehr so alltäglich.

An welchen Punkten muss Kirche genau hingucken und sich gegebenenfalls zu Wort melden?

Heinemann Wenn Menschen unmenschlich behandelt werden. Die europäische Flüchtlingspolitik empfinde ich als bedrückend. Es ist menschenverachtend, was da etwa auf Lampedusa passiert.

War Jesus eine politische Figur?

Heinemann Absolut. Lesen Sie die Geschichte von der Tempelaustreibung im Neuen Testament: Mit der Peitsche vertreibt Jesus die Händler und kündigt an, der Tempel werde in Kürze zerstört. Der Tempel war damals das wirtschaftspolitische Herz des Landes. Jesu Zeichenhandlung war eine klare politische Stellungnahme. Sie signalisierte: So könnt ihr nicht mit Gott umgehen. Diese Form des Tempelkults geht gar nicht. Und die Priesterschaft des Jerusalemer Tempels war im Gegenzug hauptverantwortlich dafür, dass Jesus verhaftet und ans Kreuz geschlagen wurde. Jesu Hinrichtung am Kreuz geht gerade auf solche Aussagen von ihm zurück, die eine politische Schlagkraft hatten.

Die evangelische Kirchengemeinde in Langenfeld widmet dem Jubiläum nun eine Sommerpredigtreihe, die Themen nehmen jeweils eine der sechs Thesen der Barmer Theologischen Erklärung auf. Worum geht es?

Heinemann Der Titel gestern lautete: "Eine (überforderte) Kirche wächst über sich hinaus". Da haben wir in die Entstehung der Theologischen Barmer Erklärung eingeführt. Am 13. Juli heißt es: "Die Machtfrage". Wir untersuchen, unter welchem Kreuz wir eigentlich stehen. "Gott total" ist der Titel am 20. Juli. Es geht darum, dass sich alle unsere Lebensbereiche an Gott orientieren sollen. Und die Predigten am 27. Juli - "Ein Traum von Kirche" - führen aus, dass die Kirche eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern ist im Geiste Jesu Christi. "Mehr als Serviceanbieter" (3. August) ist eine Predigt überschrieben, die aufgezeigt, kein Amt in der Kirche ist einem anderen übergeordnet. In der Predigt "Sand im Getriebe" (10. August), geht es um die Abgrenzung von Staat und Kirche. Zum Abschluss am 17. August "Die Fahne der Hoffnung" geben wir einen Ausblick, welchen Auftrag Kirche hat. Die Offenbarung Gottes steht im Zentrum.

Wo sind die Predigten zu hören?

Heinemann Zu allen Terminen in den vier evangelischen Kirchen in Langenfeld. In der Erlöserkirche, der Johanneskirche, in der Martin-Luther-Kirche und in der Lukaskirche.

Werden die Texte auch im Internet veröffentlicht?

Heinemann Zunächst werden die Predigten im Gottesdienst gehalten. Manche Kollegen stellen sie später bestimmt auf unserer Homepage ein.

PETRA CZYPEREK STELLTE DIE FRAGEN.

(RP)
Mehr von RP ONLINE