No Go Area: Im Kreisgebiet Mettmann gibt es zwei „gefährliche Orte“

Kreis Mettmann : Im Kreisgebiet gibt es zwei „gefährliche Orte“

Landläufig werden diese Bereiche „No Go Area“ genannt. Die Polizei spricht von „gefährlichen Orten“, für die besondere Bestimmungen gelten.

Sandheider Markt in Erkrath: Hier ist sofort klar, wie die Dinge laufen. Wer am „Café Viva“ vorbeikommt, muss offenbar mit allem rechnen. Zumindest dann, wenn irgendjemandem in diesem Laden irgendwas komisch vorkommt. Dass kann leicht passieren auf einem Platz, der nahezu menschenleer ist und an dem jeder auffällt, der dort nicht zur „Familie“ gehört. Das Herumhantieren mit der Kamera genügt, um binnen Minuten umringt zu sein von herumpöbelnden Café-Besuchern. Einer brüllt lauter als der andere, am Ende spucken sie einem noch hinterher. Derweilen rauschen sie auf der Straße schon heran, die per Telefon und Whats-App herbeigerufenen Familienmitglieder in ihren Luxuskarossen. Als ob sie zu Hause auf der Couch nur darauf gewartet hätten, mal wieder die Familienehre zu verteidigen. In Ermittlerkreisen weiß man es längst: „Die ziehen sich die Schuhe an und rennen sofort los.“ Vom Plattenbau nebenan würde man das auch zu Fuß schneller schaffen als die Polizei. Ohne Begleitung eines szenekundigen Zivilbeamten hätte dieser nachmittägliche Spaziergang über den Sandheider Markt jedenfalls übel enden können.

Spätestens in diesem Moment ist klar: Der Platz in Erkrath ist eine so genannte No-Go-Area. Muss dort die Polizei anrücken, dann tut sie das keinesfalls nur mit zwei Beamten im Streifenwagen. Zu gefährlich – vor allem auch deshalb, weil die Lage sofort eskalieren würde. Kommt sie dennoch, gelten Sonderrechte. Nach den Ausschreitungen im Sommer 2016 am Hochdahler Markt und kurz darauf im „Café Viva“, wurden der Sandheider Markt und einige Straßen im Umfeld als „gefährlicher Ort“ ausgewiesen. „Der Verdacht auf mögliche Straftaten genügt, um dort Personenkontrollen und Durchsuchungen durchführen zu können“, erklärt Kripochef Hans-Joachim Spröde die besondere Rechtslage.

Nachdem dort vor gut zwei Jahren zwei libanesische Großfamilien und mittendrin auch noch Hells Angels aneinander geraten waren und eine Hundertschaft anrücken musste, gab es keinen Zweifel mehr: Hier hat sich eine Parallelgesellschaft etabliert. Bei der Kripo hat man sofort reagiert, eine Ermittlungskommission wurde eingerichtet. „Wir waren damit Vorreiter in NRW“, weiß Rainer Hauk (Name von der Redaktion gerändert), Mitarbeiter der Auswertungs- und Analysestelle (ASTAK) bei der Kreispolizeibehörde.

Bei ihm und seinen Kollegen laufen seither die Drähte zusammen. Dort werden Informationen gesammelt und an die Ermittlungskommissariate weitergegeben. Werden bei einer Razzia die Ausweise kontrolliert, weiß man danach, wer mit wem in welcher Shisha-Bar war. Und noch so manches mehr, dass verständlicherweise nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Man kann Razzien für einen medienwirksamen Trommelwirbel halten, der schnell wieder verhallt. Hört man jedoch den ASTAK-Ermittlern zu, stellt sich die berechtigte Hoffnung darauf ein, dass sich das Bohren dicker Bretter lohnen könnte. Was dort und in den damit befassten Abteilungen passiert, könnte irgendwann Früchte tragen. Von dort könnte der entscheidende Hinweis kommen, um jemanden hinter Schloss und Riegel zu bringen. Gelingt die Vernetzung mit kommunalen Behörden, könnte man auch bald schon wissen, wo die kriminellen Clans ihr Geld über Strohmänner beim Immobilienkauf „reinwaschen“.

Dass sie es in der Elberfelder Straße in Langenfeld getan haben, ist längst kein Geheimnis mehr. Man kennt sie dort schon seit langem: die „Kö-Brothers“ mit Wurzeln in der einstigen städtischen Obdachlosenunterkunft an der Königsberger Straße. Treffen dürfte man sie heute wohl eher auf der „Vergnügungsmeile“ am Immigrather Platz. Nachdem es bei einer Fahrzeugkontrolle zu tumultartigen Szenen gekommen war, gelten seit letztem Jahr auch dort die polizeilichen Sonderrechte für den „gefährlichen Ort“. Damals waren die Einsatzkräfte binnen Minuten umringt von mehr als 30 Clanmitgliedern, es hatte heftige Wortgefechte gegeben. Immer wieder waren Einsatzkräfte provoziert und bedroht worden.

Spielhallen, Shisha-Bars und bis vor einiger Zeit ganz in der Nähe noch ein Chapter der Hells Angels: Der Immigrather Platz hat das Potential für kriminelle Machenschaften inmitten von Schattenwelten. „Der Status ,Gefährlicher Ort’ bedeutet aber nicht, dass es am Immigrather Platz besonders viel Gewalt oder Schwerkriminalität gibt und Bürger ihn deswegen tunlichst meiden sollten“, betont Polizeisprecher Ulrich Löhe. Vielmehr gehe es darum, Flagge gegenüber kriminellen Clans  zu zeigen, die diese Gegend verstärkt als Treffpunkt nutzten, um etwa Straftaten vorzubereiten.

Im Hintergrund laufen Verdrängungskämpfe. Erst kürzlich hat ein libanesischer Clan zwei Spielhallen aufgekauft und dichtgemacht, um den eigenen Laden am Laufen zu halten. Sonstige Einnahmequellen: Prostituierte und Koks. „Sie haben alle Waffen, aber keiner nimmt sie mit“, ist aus Ermittlerkreisen zu hören. Und die liegen dann in Essen oder Düsseldorf im Schließfach, weil dort angeblich die schwerkriminellen Machenschaften laufen sollen? Wohl eher nicht. Allzu sicher können sich die kriminellen Clans wohl dennoch nicht mehr fühlen, nachdem sie ins Visier von Polizei und Justiz geraten sind. Denn eines dürfte „lichtscheues Gesindel“ schon seit jeher gefürchtet haben: dass einer plötzlich den Schalter umlegt. Möglicherweise jedoch geschieht – mit dem Rückenwind der 1000 Nadelstiche des Innenministeriums – gerade genau das.

Im Januar kontrollierten in Langenfeld  Polizei und  Ordnungsamt  Lokalitäten an Immigrather Platz und Solinger Straße.  Ergebnis: drei Strafanzeigen wegen Urkundenfälschung, illegalen Glücksspiels und Vergehen gegen das Steuerrecht sowie 27 Ordnungswidrigkeitsverfahren. Die Kontrolleure legten 13 Glücksspielautomaten still.

Mehr von RP ONLINE