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Langenfeld: Museum zeigt Karikaturen des 19. Jahrhunderts

Langenfeld : Museum zeigt Karikaturen des 19. Jahrhunderts

Im Freiherr-vom-Stein-Haus sind bis zum 23. Juni Lithografien der Meisterzeichner Drandville (1803-47) und Daumier (1808-79) zu sehen.

Es sei „schon eine Ausstellung, die den Betrachter fordert“, sagt Dr. Hella-Sabrina Lange. Damit meint die Leiterin des Freiherr-vom-Stein-Hauses die 101 Lithografien, die bis zum 23. Juni in den beiden Erdgeschossräumen zu sehen sind. Es sind gesellschaftskritische Werke der beiden französischen Meisterkarikaturisten Honoré Daumier (1808-79) und Grandville (1803-47; eigentlich Jean Ignace Isidore Gérard). „Man muss sich schon etwas Zeit nehmen“, rät die Museumschefin. „Aber es lohnt sich.“ Viele Aussagen dieser gegen die Obrigkeit gerichteten Bilder seien hochaktuell.

Die Leihgaben gehören den beiden Privatsammlern Rudolf Josche (Grandville) und Dieter Prochnow (Daumier). Als Beitrag zum Langenfelder Frankreich-Jahr hat Langes Mitarbeiterin Silke Klaas die zwischen 1830 und 1879 entstandenen Bilder arrangiert, von denen viele in den satirischen Zeitschriften „La Caricature“ und „Le Charivari“ veröffentlicht wurden. Beide Blätter erschienen zwischen 1830 und 1843 in einer Zeit des Aufbruchs in Frankreich. Nach der Absetzung Karls X. gab sich der neue Regent Louis-Philippe I. zunächst bürgernah, gestand Abgeordneten mehr Macht zu, garantierte Presse- und Meinungsfreiheit. Klaas: „Da bis 1835 Bildzensur nicht gefürchtet werden musste, konnten Grandville und Daumier zahlreiche bissig-böse Karikaturen erschaffen, die gesellschaftliche Konventionen und Eigenheiten, politische Ereignisse und Persönlichkeiten aufs Korn nahmen.“

Wie die an farbigen Wänden im Freiherr-vom-Stein-Haus hängenden Karikaturen zeigen, spießten Daumier und Grandville den zunehmend rigiden Regierungsstil Louis Philippes und die durch die Industrialisierung verstärkten sozialen Missstände auf. Um hierbei nicht strafrechtlich belangt zu werden, entwickelten sie ein eigenes zeichnerisches Vokabular: So stellten sie Louis-Philippe aufgrund seiner Kopfform als „roi poire“ (königliche Birne) dar. Marschall Lobau, der 1831 Proteste mit Wasserwerfern niedergeschlagen hatte, stattete Daumier mit Klistiergeräten für die Darmspiegelung aus. Beide Synonyme haben die Langenfelder Macherinnen im Ausstellungstitel „Von Klistieren und königlichen Birnen“ aufgegriffen.

Daumier genoss Lange zufolge als humorvoller Chronist des 19. Jahrhunderts bei Zeitgenossen wie Charles Baudelaire, Edgar Degas und Heinrich Heine ein hohes Ansehen. Mit Carl Spitzweg war Daumier befreundet und hat dessen Bild „Der arme Poet“ auf seine Weise in einer gegen nachlässige Vermieter gerichteten Karikatur umgemünzt; zu sehen in der Langenfelder Ausstellung.

Grandville hatte sich als einer der zunächst führenden „Caricature“-Zeichner zunehmend von Daumier verdrängt gefühlt. So wandte er sich verstärkt Illustrationen mit Figuren und Details zu. Erst im 20. Jahrhundert – also lange nach seinem Tod – habe er die Anerkennung bekommen, die ihm zu Lebzeiten verwehrt wurde, sagt Klaas. „Unter anderem Surrealisten wie Max Ernst oder Salvador Dalí haben Grandvilles Bilderwelt aufgegriffen.“