Langenfeld: Müllmänner haben jetzt 360-Grad-Blick

Langenfeld : Müllmänner haben jetzt 360-Grad-Blick

Die Stadt Langenfeld hat ihre Entsorgungsfahrzeuge mit einem neuartigen Kamera- und Sensorensystem ausgerüstet.

Toter Winkel. Um ein Haar gerät die Radlerin unter das abbiegende Müllauto. "Das Vorderrad wurde überrollt, die Frau selbst kam zum Glück mit dem Schrecken davon", schildert Bastian Steinbacher das Geschehen. Der Unfall vor etwa anderthalb Jahren war ein Weckruf für den Chef der städtischen Müllabfuhr in Langenfeld: "Wir haben jetzt sechs unserer sieben großen Müllfahrzeuge mit einem hochmodernen Kamera- und Warnsystem ausgestattet." Ein Pilotprojekt mit der Firma Bosch, das bundesweit Schule machen könnte.

Der Clou: Der Fahrer sieht auf einem kleinen Bildschirm das Fahrzeug von oben und sein Umfeld. Die "Live-Übertragung" mutet an, als würden die Bilder von einer fliegenden Drohne geliefert. "Aber das scheint nur so", erklärt Mustafa Egmen, Fuhrparkleiter beim Betriebshof. Tatsächlich ist das Müllauto von oben gewissermaßen ein Fake. "Entscheidend ist ja, was sich um das Auto herum abspielt", sagt der 30-Jährige: "Und das ist echt."

Ermöglicht wird der 360-Grad-Blick durch vier kleine Weitwinkel-Kameras, die allesamt an der oberen Kante des Fahrzeugs angebracht sind, je eine an jeder Seite. "Aus deren Aufnahmen generiert der Computer dann das Rundum-Bild", sagt Egmen. Zusätzlich könne der Fahrer aber auch Einzelbilder zuschalten. "Die Kamera hinten gab es vorher schon, neu sind aber die anderen."

Rückwärtsfahren ist für Müllautos nur noch eingeschränkt erlaubt. Dort, wo es noch nötig ist, tragen Kameras und Sensoren zum Unfallschutz bei. Foto: rm-

Die Einzelbilder sind besonders beim Rangieren hilfreich. Ebenso wie die Abstandsgrafik beim Einschalten des Rückwärtsgangs: Kästchen in Grün, Gelb und Rot auf dem Bildschirm markieren je einen Meter Raum hinter dem Fahrzeug. Gerade für den "Lader" - den Mitarbeiter, der das Auto nach den Mülltonnen greifen lässt - bietet die Heckkamera zusätzliche Sicherheit: "Hängt die Jacke am Ladearm fest und der Lader droht hochgezogen zu werden, drückt der Fahrer, der alles im Blick hat, den Notknopf", nennt Egmen ein Beispiel.

Zu dem neuen Sicherheitssystem gehören auch zwölf Ultraschallsensoren - sechs am Heck und je drei links und rechts. Die Abstandspieper sollen unter anderem Unfällen vorbeugen, wie dem eingangs erwähnten: "Wenn der Fahrer den rechten Blinker betätigt, dann aktiviert er damit die Sensoren rechts", erläutert Egmen. Somit erfährt der Fahrer nicht nur optisch (über das Kamerabild), sondern auch akustisch, ob sich unmittelbar neben dem Auto noch jemand befindet.

Etwa 20.000 Euro hat der Betriebshof nach eigenen Angaben für die Ausstattung der Fahrzeuge mit dem Bosch-System bezahlt. Weil es sich um ein Pilotprojekt handelt, geht der Fuhrparkleiter davon aus, dass der Marktpreis höher liegen wird. Für Betriebshofchef Steinbacher ist die Innovation auch deshalb nützlich, weil für die Entsorgungsbranche verschärfte Sicherheitsregeln gelten: Zwar konnte sie das von der Versicherungswirtschaft geforderte komplette Rückwärtsfahrverbot abwenden, jedoch dürfen Müllautos nur noch dort rückwärts fahren, wo die Abfuhr sonst kaum möglich wäre. Laut Steinbacher wurden die zulässigen Rückwärtsfahrstellen in Langenfeld von 77 auf 31 reduziert. Dort, wo weiter der Rückwärtsgang eingelegt werden darf, tragen jetzt die neuen Kameras und Sensoren zum Unfallschutz bei.

(gut)
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